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Nackte Politiker

Der Hype um anrüchige Selfies zieht seine Kreise, auch in der Schweiz. Anfang Monat wurde bekannt, dass eine Sekretärin im Bundeshaus mit Nackt-Selfies von sich auf Twitter eine grössere Follower-Zahl unterhielt. Sie sei seither freigestellt, ist der letzte Stand. Gestern brachte die Schweiz am Sonntag eine Selfie-Story über den Aargauer Politiker Geri Müller. Alle anderen Medien übernahmen das Futter. In den Kommentarspalten und den sozialen Netzen wurde der Grüne Nationalrat und Badener Stadtammann rasch zur Lachnummer. Und wie schon bei der Bundesangestellten waren die Empörung gross und die Rücktrittsforderungen zahlreich. Dass der das macht – ihhh – während der Arbeitszeit, von unseren Steuern bezahlt… und so weiter. Man spürt die Schadenfreude dahinter; juhui, ein Skandal, ein perfektes Opfer gefunden.

Ich freue mich in solchen Situationen immer über all diejenigen, die abwägen und die Fälle differenziert betrachten. Bei Lichte betrachtet, ist vieles oft weniger gravierend als es in der ersten Aufregung scheint. Hinzu kommt, dass man – wie es ein lateinisches Sprichwort besagt – immer beide Seiten anhören sollte. Seit die Fotografie erfunden wurde, gab es immer Nacktfotos und Selfies, auch wenn der Begriff jung ist. Neu ist, dass sie mit Smartphones verschickt werden und dann bald einmal im Web kursieren. Viele Damen und Herren, Jugendliche und Erwachsene, sammelten schon Erfahrungen mit Sexting. Es gibt viele Geschichten von Erpressungen oder Racheakten. Zu betonen ist: Wer Nacktfotos von sich macht, darf das tun. Er darf sie auch an Bekannte schicken, sofern das genehm ist und nicht als sexuelle Belästigung aufgefasst wird. Nicht akzeptabel sind die Veröffentlichung ohne Einwilligung aller Beteiligten und natürlich jede Erpressung, indem etwa mit der Publikation von Bildern gedroht wird. Im aktuellen Fall fragt sich: Drohte die junge Frau mit Selbstmord oder anderem? Bedrohte der Politiker die Bekannte? Wenn Geri Müller die Sache nicht bald klären kann, wird er darüber stolpern. Nicht die Nacktfotos sind dabei das eigentliche Problem, sondern das Verhalten und die Machenschaften rund um diese. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Politiker durch eine Panikreaktion (wie etwa Anrufen bei einer Redaktion) ein Problem erst verschlimmert, bevor er gebrochen abtreten muss. Die Folgen sind gravierend: Karriere am Ende, Ruf im Eimer, berufliche Zukunft stark erschwert.

Wie es weiter geht? Es kommt, wie richtig gesagt wurde, darauf an, was hinter der Story steht. Das lässt sich heute noch nicht abschliessend beurteilen, schon gar nicht für uns Unbeteiligte. Umso mehr stört mich, wenn in den sozialen Medien die Moralkeule geschwungen und sofort zum Halali auf Müller geblasen wird. Die Ermahnung, den ersten Stein dürfe nur werfen, wer selbst ohne Makel ist, kennen heute offenbar nicht mehr viele. Macht jeder von den selbst ernannten Moralhütern immer alles vollkommen perfekt? Man empört sich, dass ein Stadtammann in seinem Büro während der Arbeit in einem Chat schreibt. Bei jemandem, der viele Stunden arbeitet und oft auch abends beruflich unterwegs ist, muss Arbeit und Privatleben vielleicht anders geschieden werden als bei jemandem in einem 8-17-Uhr-Beruf. Und haben wirklich alle, die den Rücktritt fordern, ihre Kommentare in ihrer Freizeit geschrieben? Da ich nicht davon ausgehe, dass die Tausenden von Aktiven auf den Kommentarspalten alle Arbeitslose sind, nehme ich an, dass auch sie gelegentlich während der Arbeitszeit chatten, twittern oder facebooken. Was und wieviel sie dabei tragen, ist mir egal. Einmal mehr zeigt sich die Scharfrichter-Seele von vielen Schweizerinnen und Schweizern in der Haltung, keine zweite Chance zu gewähren, nie. Am liebsten möchten solche Leute alle verwahren, einsperren, ausweisen, die einmal einen Fehler machten. Das ist ein Klima, das mir Sorgen macht. Einmal mehr überlegen, bevor man schiesst / schreibt, das würde ich mir wünschen. Auch Journalisten einer Sonntagszeitung, die ihr Blatt verkaufen müssen, fragen sich hoffentlich: Ist hinter der Geschichte genug, um die Sache in die Öffentlichkeit zu zerren? Denn der Schaden ist angerichtet.

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Und weg ist er

Verkehrte Welt: Hildebrand geht und Wulff bleibt im Amt. Ich dachte am Sonntag noch, Philipp Hildebrand wäre aus dem Schneider, die Affäre ausgestanden. Doch wahrscheinlich entschied er sich da schon zum Rücktritt. Vordergründig argumentierte er mit der Glaubwürdigkeit, die er nicht vollständig wiederherstellen könne. Doch es dürfte noch einen anderen Grund geben: Übers Wochenende kündigten Politiker und Bankrat an, alle Finanzaktivitäten der Direktoriumsmitglieder der Nationalbank genau zu durchleuchten. Sucht man intensiv, finden sich bestimmt weitere Transaktionen, die man skandalisieren kann. Wer Geld hat, versucht es ja meist gewinnbringend anzulegen. Hildebrand ist also dann mal weg und die Schweiz braucht dringend einen neuen Präsidenten der Nationalbank. Dagegen käme Deutschland auch ohne Bundespräsident Christian Wulff relativ gut zurecht, der sich in der Affäre um einen Hauskredit daneben benahm und Medien bedrohte. Hildebrand kommunizierte in seinem Fall weitaus geschickter als Wulff. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den beiden. Hildebrand geht jetzt, da sein Ruf noch intakt ist und er gute Chancen auf einen topbezahlten Job in der Finanzbranche hat. Wulff klebt am Amt, weil er wohl fürchtet, sonst gar nichts mehr zu haben.

Hat Christoph Blocher sein Ziel erreicht? Ja, insofern es ihm seit vielen Monaten darum ging, Hildebrand endlich loszuwerden. Dazu waren ihm auch Schwindeleien, Irreführung, Lügen und scheinheilige Heuchelei recht. Allerdings kam die Sache in der Öffentlichkeit zunehmend schlecht rüber. Durch seinen Aktivismus in der Affäre knüpfte Blocher das Schicksal seiner Partei etwas an den Schweizer Franken. Sollte es in nächster Zeit zu einer Währungskrise kommen, der die Schweiz nicht Herr wird, werden sich alle noch gut erinnern, wer den smarten Zentralbanker in den Rücktritt trieb. Dann sind weitere Wahlverluste der SVP vorprogrammiert. So wie es momentan aussieht, geht es aber ohnehin in diese Richtung. Leider ist Blocher nicht weg. Auch er klebt an seinem “Amt” als selbsternannter Retter der Schweiz und wackerer Verteidiger gegen die EU, Hildebrand, Eveline Widmer-Schlumpf und die verteufelte Classe politique. Er wähnt sich auf einer heiligen Mission. Wenn das nur mal gut geht.

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