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Gibt’s einen Atomkompromiss?

Es bleibt weiterhin völlig unklar, wie gravierend die Situation in Japan ist. Noch immer versuchen Techniker und Arbeiter, wohl unter Riskierung ihrer Gesundheit, ja ihres Lebens, die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Sicher ist schon jetzt: Die Ereignisse in Japan haben immense Auswirkungen auf die Realpolitik. In der Diskussion der Energiezukunft wird Atomenergie in vielen Ländern nicht mehr als Option weiterverfolgt werden. Noch hört man vereinzelt: Ja, was will man denn sonst – Kohle ist ja auch nicht gut, Öl- und Gaskombikraftwerke? Das zeigt, wie lange man immer nur in Grosstechnologien gedacht hat, möglichst grosse Kraftwerke sollten die Versorgung sicher stellen. Es geht nun nicht nur darum, massiv auf neue Erneuerbare zu setzen, sondern vermehrt auch dezentrale Lösungen in Betracht zu ziehen: Schon auf einigen Bauernhäusern hat es Solarpanels, wieso nicht künftig auf möglichst allen neuen Dächern? Gefragt ist vornehmlich die Politik, die neue Rahmenbedingungen setzen muss, die nicht mehr Grosskraftwerke, sondern viele kleine Stromproduzenten fördern.

In Deutschland krebst die Kanzlerin bei der Laufzeitverlängerung zurück, vielleicht wird damit das rot-grüne Drehbuch für den Atomausstiegs nun doch wie geplant umgesetzt. Bei uns in der Schweiz sistierte die Energieministerin das laufende Verfahren, das zum Bau von zwei grossen Atomkraftwerken der neusten Generation führen sollte. Nun müssen wir dafür sorgen, dass die Pause sinnvoll genutzt wird. Zwischen der Forderung, nun gleich sofort aus der Atomkraft auszusteigen, und der entgegen gesetzten Idee, trotz allem neue Werke zu bauen, wird man irgendwo in der Mitte einen Kompromiss finden. Dieser könnte so aussehen: Die ältesten Kraftwerke Beznau I und II (1971) und insbesondere das pannenanfällige Werk Mühleberg (1969) werden in den nächsten Jahren vom Netz genommen. Die beiden neueren Werke von Gösgen (1979) und Leibstadt (1984) werden sicherheitstechnisch stark verbessert und dürften dann vielleicht noch 10-20 Jahre weiter Strom produzieren. Das ist ein realistisches Szenario, um den Ausstieg doch relativ schnell, aber geordnet angehen zu können. Die drei älteren Werke liefern je ca. 365 MW – die neueren Werke aber deutlich mehr Strom (970 resp. 1200 MW).

Gespannt sein darf man auf die Diskussion der Energiezukunft in unserem westlichen Nachbarland. Frankreich hat enorm intensiv auf Atomstrom gesetzt, über 60 Anlagen sind in Betrieb. Ein Teil des erzeugten Stroms fliesst auch in die Schweiz. Der jetzt wohl obsolet gewordene Plan neuer AKW wurde u.a. damit begründet, dass entsprechende Exklusivverträge bald auslaufen. Zu wünschen ist, dass auch in Frankreich die ältesten Reaktoren vom Netz genommen und ein ernsthaftes Ausstiegsszenario angepackt wird. Die Aufgabe ist gigantisch gross. Aber Sarkozy möchte ja gern als grosser Held in die Geschichtsbücher eingehen. Mit der Einleitung einer entschlossenen Energiewende könnte ihm das gelingen. Noch sieht es nicht danach aus, als hätte er das begriffen.

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Zu hoch gepokert

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gerät immer tiefer in den Schlamassel, seit die Unregelmässigkeiten bei seiner Dissertation durch eine Rezension in einer Fachzeitschrift publik wurden. Die ganze Affäre liess mich staunen: Wie ist es möglich, dass in Zeiten von Google das nicht früher aufgefallen ist? Arbeitet man so schlampig an der Universität Bayreuth, dass eine derart plagiatreiche Arbeit nicht nur angenommen, sondern sogar noch mit der Höchstnote “summa cum laude” bewertet wird? Guttenberg hat in der folgenden Affäre zu lange alles aussitzen wollen, was ihm recht bald den Spitznahmen “Selbstverteidigungsminister” eingetragen hat.* Dabei hat der Vorwurf an sich mit seinem politischen Amt nichts zu tun: Seine Funktion könnte er auch ohne Doktortitel ausüben. Verstrickt er sich aber nun in Lügen, dann wird es zunehmend eng für ihn.
* So nannte man übrigens für einige Zeit auch den Schweizer Militärminister Samuel Schmid, als er wegen dem untragbar gewordenen Armeechef Naef im Sommer 2008 in grosse Schwierigkeiten geriet.

Hätte Guttenberg von Anfang an die Fehler eingeräumt und auf seinen Doktortitel verzichtet, wäre er vielleicht mit einem blauen Auge davon gekommen. So aber ist sein Ruf arg ramponiert, vielleicht für immer. Das erfüllt all jene mit Schadenfreude, die den adligen Aufsteiger und Hoffnungsträger nicht mochten, in dem gewisse Medien (voreilig) schon den nächsten Kanzler sahen. Was hat er sich dabei gedacht? Es ist doch eigentlich klar, dass ein solcher Betrug früher oder später auffliegt. Zudem gilt das erst recht für einen derart prominenten und profilierten Autor. Natürlich ist Plagiat in der Wissenschaft kein Kavaliersdelikt und es ist in jedem Fall streng zu ahnden, ob es sich nun um einen Politiker oder irgendeine andere Person handelt. Die Vermutung drängt sich zudem auf, dass der vielbeschäftigte Jungstar der deutschen Politik die Disseration gar nicht selbst verfasst hat. Nachdem er nun auf den Titel zuerst vorübergehend und nun definitiv verzichtet, hält er jedoch weiterhin die Fiktion aufrecht, dass er sie selbst geschrieben hat. Vielleicht muss er das, denn ein gekaufter Doktortitel ist offenbar für seinen Ruf noch weit gravierender als eine wissenschaftlich hochgradig inkorrekte Arbeitsweise. Doktortitel können nicht gekauft werden; entweder hat man die Zeit und die Fähigkeiten, um eine Dissertation selbst zu schreiben oder dann lässt man es besser bleiben. Genauso wie Pseudo-Universitäten, die den Kauf von scheinbar anerkannten Qualifikationen ermöglichen (“Titelmühlen”), gehörten auch Doktorarbeit-Firmen eigentlich verboten.

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