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Das syrische Dilemma

Was tun, wenn alles falsch scheint? Die Lage in Syrien ist verworren, der seit anderthalb Jahren anhaltende Bürgerkrieg dauert an und es ist kein Ende in Sicht. Was als friedlicher Aufstand und Teil des «arabischen Frühlings» begann, hat sich durch die unnachgiebige und repressive Haltung des Regimes und der gewalttätigen Antwort vieler Gruppen in ein blutiges Gemetzel verwandelt. Auf Seiten der Opposition mehren sich die Stimmen, die das Nichtstun der «internationalen Gemeinschaft» beklagen. Das hiess es auch schon bei früheren Konflikten, was dann zu teilweise fragwürdigen Operation führte.

Es ist nun nicht so, dass ausländische Mächte nichts tun. Sie ziehen nur nicht am selben Strang, da liegt das Problem. Während Russland eisern zum Regime von Bassar al-Asad hält und diesem weiterhin Waffen liefern will, unterstützen Saudi-Arabien und Katar die sunnitischen Rebellen. Frankreich und Grossbritannien drängen auf ein Ende des EU-Waffenembargos gegen Syrien, um die säkulare Opposition ausrüsten zu können. Gleichzeitig fürchten sie aber, dass die Waffen in den Händen radikaler Islamisten landen könnten, die sich zur al-Kaida zählen. Wie man es dreht und wendet, es bleibt dabei: In Syrien kämpfen zwei Lager zunehmend verbittert um die Macht, über dunkle Kanäle fliessen schon heute Waffen zu beiden Seiten und wie der Konflikt militärisch mit dem Sieg der einen oder anderen Gruppe enden konnte, ist nicht abzusehen. Ein irakisches Szenario bahnt sich an.

Die grösste Gefahr liegt in einer Regionalisierung des Konflikt, die teilweise bereits begonnen hat. Höchst gefährdet ist dabei der Libanon mit seinem labilen Gleichgewicht zwischen Christen, Sunniten und Schiiten. Immer mehr zeichnen sich die Umrisse eines Grosskonflikts zwischen Schiiten und Sunniten in einem Kriegsbogen vom Libanon bis zum Irak ab. Mir ist die Geschichte der Shia ungefähr bekannnt, ebenso jene des wahabitischen Islams der Salafisten. Warum diese Spannung aber gerade heute zu einem Grosskonflikt ausarten soll, ist mir nicht klar. Schaut man als Historiker jedoch auf den Dreissigjährigen Krieg zurück, der zwischen 1618 bis 1648 ganz Mitteleuropa verwüstete und unsägliches Leid der Zivilbevölkerung verursachte, dann war/ist auch dieser Krieg schwierig zu verstehen. Es ging um ein Gemix von offenen Konflikten, konkurrierenden Machtansprüchen, regionalen Akteuren, die um Hegemeonie stritten und unversöhnliche Konfessionen oder Ideologien bzw. aufgestachelte Grossgruppen/Nationen. All diese Zutaten sind heute auch im Nahen Osten da: Das Ringen um die künftige Vorherrschaft in der Region zwischen dem Iran und Saudi-Arabien mit ihren Schutzmächten Russland und USA, die grosse Furcht Israels vor einem atomar bewaffneten Iran, verschiedene Terrorgruppen und Selbstmordattentäter, radikale Schiiten und ebenso fanatische Sunniten. Dabei und daneben geht es wohl auch um wirtschaftliche Machtpositionen, auch wenn diese zwischenzeitlich vor lauter Hass vergessen gehen.

Und wir, was macht der in wirtschaftlichen Umbruchszeiten steckende «Westen»? Ist es wirklich eine Lösung, wenn europäische Staaten die eine oder die andere Seite bewaffnen? Das verlängert doch den Krieg und macht das Ringen noch brutaler. – Ein Dilemma nennt man, wenn jede Haltung falsch ist. Das scheint mir im Moment der Fall. Den Syrerinnen und Syrern ist zu wünschen, dass sich die Lage möglichst bald beruhigt. Aber ich wüsste nicht, wie das gehen könnte. Da ist ein Konflikt zu sehr ausgeartet.

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