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Nur Kandidatenstimmen zählen

Der Wahlsonntag vom 18. Oktober bleibt mir in guter Erinnerung, für Luzerner Medienschaffende sollte es ein Lehrstück sein. Obwohl es äusserlich nach einem Krimi schien, war die Wiederwahl von Nationalrat Louis Schelbert eigentlich bald einmal ziemlich gewiss. Doch erst nach 18 Uhr an diesem Sonntagabend hörten die peinlichen Anrufe bei ihm auf, von Journalist/innen, die auf der Jagd nach einer tollen Geschichte immer von ihm wissen wollten, was er zu seiner «Abwahl» meine. Zigmal erklärte er, dass nichts sicher sei und er zuversichtlich bleibe.

20151018_Foto_Schelbert_ReggebauedeKaum waren die Listenstimmen in den ersten Gemeinden ausgezählt, wurde in Onlinemedien gross verkündet, die Grünen würden ihren Sitz verlieren. Doch die Listenstimmen geben immer erst einen Fingerzeig; selbst wenn sie von allen Gemeinden vorliegen, entspricht das Ergebnis nicht der definitiven Verteilung der Sitze. Was sind Listenstimmen? In der ersten Runde der Auszählung werden alle Wahlzettel nur nach der Parteibezeichnung sortiert; das gibt ein erstes grobes Bild, aber eben nicht mehr. Demnach gab es also nicht genügend Stimmzettel für die Grünen, um einen Sitz zu erhalten (weniger als einen Elftel).

Schelberts Zuversicht, dass seine Partei noch aufholen würden, war nicht nur unserer Erfahrung geschuldet oder schlichtes Wunschdenken, sondern basierte auf harten Fakten. Nach und nach tröpfelten im Regierungsgebäude nämlich aus immer mehr Gemeinden auch die Kandidatenstimmen ein. Was sind Kandidatenstimmen? Dies sind nun die genaueren Zahlen, die sich aus der detaillierten Auszählung sämtlicher Wahlzettel ergeben. Eine Wählerin bezeichnete etwa ihre Liste mit “SP” und führte darauf neben 6 SP-Kandidat/innen auch zwei Grüne und eine Junge Grüne auf – ihre 10 Stimmen (für die Nationalratssitze im Kanton Luzern) kann sie beliebig auf alle antretenden Listen verteilen. Im Beispiel hätte sie zu 70% die SP und zu 30% die Grünen unterstützt. Es versteht sich von selbst, dass sich durch diese Aufschlüsselung jedes einzelnen Wahlzettels auf die Parteien und die mit ihnen verbundenen Unterlisten zum Teil noch grössere Verschiebungen gegenüber der blossen Zahl von Wahlzetteln mit bestimmten Listenbezeichnungen ergeben.

Dass die Listenverbindung von SP, Grünen und Grünliberalen zwei Sitze holen würde, war rasch klar. Während des ganzen Nachmittags hiess es, die Luzerner SP würde einen Sitz gewinnen und die Grünen ihren verlieren. Warum? Die erhaltenen Mandate werden nach einem mathematischen Schlüssel auf die Listen innerhalb einer Verbindung verteilt. Ich lasse die technischen Details hier weg, nur soviel: Bei zwei Sitzen für eine Parteiengruppe müssen kleinere Parteien mindestens eine Stimme mehr als die Hälfte der Stimmen der grössten Partei der Gruppe erhalten, damit nicht beide Sitze der grössten Listenpartnerin zufallen. Und nun war es so, dass die Grünen in praktisch sämtlichen Gemeinden dieses Kriterium erfüllten. Louis Schelbert wusste das und was es bedeutet. Als endlich auch die Resultate aus der Stadt Luzern bereinigt vorlagen, konnte um 18.25 Uhr “Entwarnung” gegeben werden: Die Grünen Luzern verteidigten ihren Sitz, Schelbert wurde bestätigt.

Wenn manche Medien daraufhin schrieben, die Stadt Luzern hätte diese “Überraschung” bewirkt, dann ist das falsch. Es ist die gesamte Summe der Kandidatenstimmen, die den Ausschlag gab. Und diese ergab zu jeder Zeit am Nachmittag die interne Verteilung: 1 SP und 1 Grüne. Bedauerlich ist, dass die Grünliberalen ihren Sitz verloren haben und die SVP zulegte. Das war der Megatrend dieser Wahlen, wie er sich in fast allen Kantonen zeigte. In Luzern hätte es aber beinahe eine zweite Änderung gegeben: Ohne die erstmalige Listenverbindung von CVP und FPD (mit den Kleinparteien BDP und EVP) hätte die erstere – einst die stärkste Partei des Kantons – ihren dritten Sitz verloren und zwar an die SP! Die Erkenntnis daraus: Listenverbindungen spielen eine Rolle. Und hinter Wahlen steht immer auch ein interessantes Stück Mathematik.

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Grünliberale in den Nationalrat

Gemäss den Wähleranteilen der diesjährigen Kantonsratswahlen könnten die Grünliberalen im Herbst einen der 10 Luzerner Sitze im Nationalrat erobern. Allerdings nicht in jedem Fall. Die Rechenspiele ergeben folgendes Ergebnis: Wenn alle Parteien einzeln antreten, dann gingen 4 Sitze an die CVP, je 2 an SVP und FDP und je 1 an SP und Grüne. (Genauso haben sich das die Parteistrategen der CVP vor vier Jahren auch erhofft, aber bekanntlich war die SVP dann in den Herbstwahlen stärker.) Wenn SP und Grüne sich wie bisher zusammentun, ändert sich nichts an der Verteilung. Würden sich allerdings die Grünliberalen dem rot-grünen Bündnis anschliessen, dann reicht es für 3 Sitze. Davon ginge dann ein Mandat an jede der drei Parteien. Grüne und Grünliberale zu zweit würden den Gewinn von 2 Sitzen nicht schaffen. Wenn die Grünliberalen hingegen ein Bündnis mit CVP und FDP bevorzugen, dann erhielte ein solches zwar 6 Sitze und könnte also der SVP ebenfalls einen der aktuellen Sitze wegschnappen, doch ginge dieser nach heutiger Prognose an die CVP!

10 Mandate sind zu vergeben. Ich würde den Grünliberalen gern eines davon gönnen; ich sähe viel lieber einen oder eine der ihren für die nächsten vier Jahre als Teil der Luzerner Vertretung in Bern als nochmals 8 Mitte-rechts- oder Rechts-Politiker. Wenn es der glp gelänge, der SVP das 3. Wackelmandat wegzunehmen, das diese Partei 2003 und 2007 nur knapp gewann, dann würde mich das am meisten freuen. Zwar ist die Wahl im Oktober noch weit, aber dennoch werden jetzt die Weichen gestellt. Ich vermute die Grünliberalen wollen kein Bündnis mit SP und Grünen eingehen, auch wenn ihnen dies fast garantiert einen Sitz sichern würde. Zu gross scheint die Furcht, dadurch in die linke Ecke gestellt zu werden. Andererseits kann ich mir ein Zusammengehen mit FDP und CVP auch nicht vorstellen, denn diese Parteien haben wohl kein Interesse am Päckli mit derjenigen neuen Kraft, die ihnen Stimmen wegnimmt und die Grünliberalen keine Lust auf einen Pakt mit den “Verlierern”. Treten die Grünliberalen ganz allein an, müssen sie aber noch ziemlich zulegen, um einen Sitz abzuräumen.

Bei all diesen Rechenspielen sollte man bedenken, dass es nur Modellrechnungen mit aktuellen Zahlen sind. Die Erfahrung lehrt immerhin, dass bei eidgenössischen Wahlen die SVP bisher noch immer stärker war als bei den Kantonalwahlen; sie investiert am meisten und fährt eine grosse landesweite Kampagne. Die CVP war jeweils schwächer, also sollte sie sich meines Erachtens gar keine Hoffnung auf die Rückeroberung des vor Jahren verlorenen 4. Mandats machen. Umgekehrt waren SP und Grüne im Herbst auch jeweils leicht stärker als im Frühjahr; im ganzen Kanton können die Parteien mit den gleichen, in der Regel schon ziemlich bekannten, Kandidaten antreten. Ob das auch für die glp gilt, wird sich zeigen. Die Partei ist zur Zeit sehr erfolgreich und wird im Nationalrat 2011-15 bestimmt eine eigene Fraktion bilden können. Wird künftig auch jemand aus Luzern dabei sein? Wir dürfen gespannt sein.

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