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«Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg» – letzte Tage!

Das Historische Seminar der Uni Luzern zeigt die Sonderausstellung «Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg» diese Woche noch bis zum 27. März jeden Tag von 10 bis 17 Uhr im Historischen Museum Luzern. Die Ausstellung will das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Zweite Weltkrieg nicht nur Europa, sondern auch weite Teile der Dritten Welt verwüstete. Der Krieg fand nicht nur in Europa und Ostasien statt, sondern auch in China, Nordafrika oder Äthiopien. Millionen von (Kolonial-)Soldaten aus Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika kämpften an vorderster Front mit, mehrheitlich auf Seiten der Alliierten, um die Welt vom Faschismus und Grossmachtwahn zu befreien. Doch Anerkennung fanden sie in Europa dafür nicht. Schon bei den Feierlichkeiten zum Kriegsende warteten viele von ihnen in erbärmlichen Lagern auf den Rücktransport in ihre Heimat. Bei der Feier zum Kriegsende in Paris liess Charles de Gaulle nur junge weisse Franzosen aufmarschieren, die wichtige Rolle der Kolonialsoldaten aus Afrika wurde damit negiert. Mehr noch: Am selben 8. Mai 1945 feierten auch die Algerier das Kriegsende. Dabei hissten sie eine verbotene algerische Flagge, worauf französische Kolonialtruppen auf sie schossen und ein Massaker anrichteten. Der Tag der Befreiung in Europa wurde so zum Tag der Trauer in Algerien – und zum symbolischen Auftakt des Unabhängigkeitskrieges.

Die Ausstellung, die nach Stationen in Berlin, Tübingen und Köln nur noch diese Woche in Luzern gastiert, thematisiert diese und viele andere Facetten dieses grossen Weltkriegs, von dem in den eurozentrisch orientierten Geschichtsbüchern ganze Teile fehlen. Die Texte und die vielen Fotographien werden bereichert mit Gesprächen mit den letzten noch lebenden Zeitzeugen, die das Ausstellungs-Team bei Reisen um die ganze Welt aufgesucht hat. Wenn man sich die Ausstellung ansieht und darüber nachdenkt, dann wird deutlich, dass der Zweite Weltkrieg noch viel stärker eingebettet werden muss in den grösseren Kontext: als Höhepunkt des europäischen “Griffs nach der Weltmacht” seit dem nationalistischen Imperalismus im 19. Jahrhundert, der sich auch nach dem Ersten Weltkrieg fortsetzte. Hitlers Wahnsinnsprojekt war die schrecklichste Entwicklung einer rassistischen Ideologie und Politik, die auch von anderen europäischen Mächten vertreten wurde. Nach dem Kriegsende war der Kolonialismus zwar völlig delegitimiert, dennoch leisteten Grossbritannien und besonders Frankreich noch eine Weile Widerstand gegen die Auflösung ihrer Grossreiche oder versuchten gar, verlorenes Terrain zurück zu erobern. Einige Konflikte, die daraus erwuchsen und sich im Zeichen des Kalten Kriegs zusätzlich ideologisch aufluden, haben durch viele Tote und viel Leid weltweit eine traurige Bekanntheit erlangt: Indien-Pakistan, Vietnam, Algerien, der Nahostkonflikt usw.

In der letzten Woche der Ausstellung steht auch der Höhepunkt des Rahmenprogramms bevor. Als Schweizer Premiere wird am kommenden Donnerstag, 24. März 2011 um 20 Uhr im Südpol das Tanztheater «Die vergessenen Befreier» aufgeführt. In dieser atemberaubenden Performance aus Tanz, Musik, Gesang und Videokunst erweckt die Strassburger Formation Compagnie Mémoires Vives ein verdrängtes Kapitel der afrikanisch-europäischen Geschichte zu neuem Leben. Das Stück handelt vom Schicksal afrikanischer Soldaten, die in den Weltkriegen an vorderster Front für Europa gekämpft, ihr Leben geopfert und bis heute keine Anerkennung erhalten haben. Die Schauspieler sind als Nachkommen dieser Soldaten direkt Betroffene der Geschichte. Die heutige Migrationsproblematik wie auch die aktuellen Entwicklungen in Nordafrika stehen in engem Zusammenhang mit der noch zu wenig in ihrer Gesamtdimension aufgearbeiteten europäisch-kolonialherrschaftlichen Vergangenheit.

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