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Obama-Stadt und Romney-Land

«Four more years» für Barack Obama, zuletzt deutlicher als von den Medien herbeigeredet. Endlich ist der teuerste Wahlkampf der Geschichte vorbei. Ich möchte kurz auf den Wahlsieg von Obama eingehen und eine Verbindung zur Schweiz herstellen. Der 44. Präsident der USA hat bekanntlich mehrere sogenannte Swing States erneut gewonnen, das war der Schlüssel zum Erfolg. Schaut man jedoch nicht die Karte der Bundesstaaten, sondern jene der Bezirke an, erkennt man noch ein deutliches Bild: Obama gewann mehrheitlich in den Städten und im wachsenden Umland, während Mitt Romney in den weiten, dünner besiedelten Landschaften des Mittleren Westens und des Südens obenaus schwang.
Wahlresultat 2012 nach Counties (mit Standorten von Unis)

Stadt – Land / liberal – konservativ. Dieses Bild kennen wir in der Schweiz nur zu gut, ist der Stadt-Land-Gegensatz doch die wichtigste Konfliktlinie der jüngsten Geschichte, entlang der praktisch sämtliche Volksabstimmungen der letzten Jahre entschieden wurden. Doch das Phänomen ist noch älter, man denke etwa an den Kanton Luzern, der von 1830 bis ca. 1970 geprägt war vom scharfen Gegensatz zwischen der liberalen Stadt und der katholisch-konservativen Landschaft. In den letzten 40 Jahren hat sich dieser alte liberal-konservative mit einem neuen links-rechts-Antagonismus verbunden. Die Städte sind nun nicht mehr nur liberal, sondern noch stärker auch links und grün geworden, in der Summe also links- bzw. grünliberal, die Landschaft vermehrt nationalistisch. Darin besteht eine wesentliche Differenz zu den USA, dass im alten Europa die Religion an Bedeutung verlor und der Wohlfahrtsstaat auf grössere Zustimmung stösst. Aber abgesehen davon beobachtet man beidseits des Atlantiks häufig die Gegenüberstellung von Stadt- und Landbevölkerung, die oft mit einem unterschiedlichen Mobilitäts- (ÖV, Auto) und Wohnverhalten (Eigentum, Miete) einhergeht.

Nun sind die Städte gewissermassen im Vorteil, da die Landschaften zunehmend in den Sog der Grossstädte einbezogen werden. Das erklärt u.a. den Erfolg Obamas in einigen traditionell ländlichen Bundesstaaten, wo bevölkerungsreiche Bezirke in der Nähe eines Ballungsgebiets in einem anderen Bundesstaat den Ausschlag gaben. Bei uns gibt es ähnliche Phänomene, wenn etwa der Kanton Basel-Landschaft zunehmend vom Agglogürtel der Stadt Basel dominiert wird. Doch wie kommt es eigentlich zum Stadt-Land-Graben? Häufig gehörte einfache Erklärungsansätze lauten:

  • In den Städten wohnen mehr Angestellte der staatlichen Verwaltung und Lehrpersonen, die häufig links wählen.
  • Auf der Landschaft gibt es mehr Gewerbetreibende und Handwerker, die konservativ und rechts wählen.
  • Die Städte sind dichter besiedelt und leiden stärker unter dem Verkehr, ihre Bewohner wählen öfter grün.

Es gibt viele weitere Gründe, die den unterschiedlichen Wirtschafts- und Lebensstil von Stadt- und Landbewohnern erklären und damit ihre verschiedenen politischen Präferenzen. Eine ganz wichtige sehe ich im Faktor Bildung. In Anlehnung an Bill Clintons Diktum könnte man Romney zurufen: «It’s the education, stupid!» Man betrachte auf der oben abgebildeten Karte die Standorte von Universitäten. In den Städten leben auch bei uns mehr Mittelschul- und Universitätsabsovlenten, auf der Landschaft mehr beruflich ausgebildete Fachkräfte. Ich will nicht das eine oder das andere besser oder schlechter reden, da beides nötig und wichtig ist. Nur stelle ich mir schon die Frage, woran es eigentlich liegt, dass beispielsweise die Sozialdemokratische Partei, die einst als politische Interessenvertreterin der Arbeiterbewegung für die sog. Proletarier kämpfte, heute von gut ausgebildeten Angestellten, Lehrpersonen und Künstlern gewählt wird (“soziokulturelle Spezialisten”), während die eigentliche Arbeiterschaft heute eher konservative und nationale Orientierungen vertritt. Was ist da seit «68» passiert? Und müssen sich Stadt und Land, intellektuell und manuell oder technisch ausgebildete Fachkräfte immer weiter auseinander entwickeln? Es bräuchte eine neue Meta-Erzählung, um den Graben wieder zu schliessen, eine von Stadt- wie von Landbewohnern gleichermassen geteilte Vision von den Herausforderungen der Zukunft und wie man sie anpacken will. Zur Zeit sind allerdings weit und breit keine solchen Ansätzen zu erkennen, weder in den USA noch im alten Europa. (Nein, auch Obama konnte das nicht.)

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Change – leider nicht zum Guten

Die Wahlniederlage des amerikanischen Präsidenten ist sicher primär ein innenpolitisches Problem der Vereinigten Staaten. Es gelang dem zum “Change” angetretenen und wie ein Popstar bejubeltem ersten schwarzen Präsidenten offensichtlich nicht, seine Landsleute von der Richtigkeit seiner Politik zu überzeugen. Die Aufgabe ist nicht einfach: Barack Obama erbte von seinem Vorgänger nicht nur zwei Kriege, sondern auch eine massive Wirtschaftskrise. Der Präsident enttäuschte viele seiner Wahlhelfer von 2008. Doch mit Kompromissen brachte er in Washington D.C. ziemlich beachtliche Gesetzespakete durch den Kongress. Währenddessen baute sich im Land eine schrille Gegenbewegung auf, die alle Reformschritte ablehnt und die alten Rezepte propagiert: weniger Staat und keine neuen Gesetze. Stark unterstützt wird sie von zahlungskräftigen Lobbys (u.a. Ölfirmen, Rüstungskonzerne), für die nach einem umstrittenen Urteil neuerdings keine Oberlimiten für Wahlspenden mehr gelten.

Sarah Palin und die populistische Tea Party konnten am Dienstag einen Teilsieg feiern. Zwar schafften die extremsten “Hockey Mums” den Sprung in den Senat nicht, aber für Obama wirds dennoch ungemütlich. Er muss den Niedergang der ökonomischen und weltpolitischen Bedeutung seiner Nation managen und einen Ausstieg aus den Kriegen seines Vorgängers finden. Zudem gibt es neben der Finanzregulierung mit der Klimapolitik einen weiteren Politikbereich, in dem ganz dringend weltweit koordinierte Massnahmen vonnöten wären. Mit dem Wahlsieg der Republikaner ist ein griffiges US-Klimagesetz leider in noch weitere Ferne gerückt. Und das hat internationale Konsequenzen: Nach dem Scheitern des Gipfels von Kopenhagen im letzten Dezember stehen die Vorzeichen für den neuen Anlauf in Cancún nun auch nicht gerade besser.

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