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Tatort Politik

Am Sonntagabend lief der erste in Luzern gedrehte Tatort über die Schweizer Fernsehschirme. Einiges gab es zu lesen im Vorfeld wegen der Verschiebung und dem Nachdreh einer Szene. Ich war gespannt auf den Film und sah ihn mir auch an. Heute stimme ich nicht in den Chor jener ein, die den Schweizer Tatort einfach zerreissen. Verglichen mit anderen Tatort-Produktionen – und ich habe nicht wenige geschaut in den letzten Jahren – ist er weder besonders schlecht noch ausnehmend brillant. Sauberes Mittelmass, irgendwie ganz passend zur Schweiz. Toll war es, die Kulissen zu betrachten und sich zu fragen, wo das ist oder sein könnte. Einige Orte kamen einem vertraut vor oder man erhaschte ein Detail, das auf den Drehzeitpunkt verweist (Schnee am Pilatus, Unigebäude im Bau). Das “Luzerner Team” gewann noch nicht recht Kontur, aber das kann noch werden, da ja im nächsten Film erst die zweite Hauptfigur eingeführt werden soll. Auffällig war, dass alle sich duzten in dieser fiktiven Luzerner Polizei. Das könnte passen, im Unterschied zu Deutschland hält man es hier tatsächlich lieber persönlich.

Ein guter Tatort ist nicht bloss ein Krimi, der 90 Minuten unterhält. Gute Filme der Serie haben immer wieder gesellschaftliche Themen auf hintergründige Weise behandelt und manchmal auch Tabu- oder sonst wenig diskutierte Themen einem sehr grossen Publikum nahe gebracht. Vielleicht ist das generell die grosse Kunst eines Krimis: Über die Spannung hinaus auch Zeitdiagnose oder Gesellschaftskritik zu transportieren. Das gelingt beispielsweise den grossen nordischen Meistern der Kriminalromane immer wieder hervorragend. Gemessen an (zu) hohen Erwartungen war die Story des ersten Luzerner Tatorts eher enttäuschend. Ein Politiker wurde entführt – oder liess sich entführen, was ging schief und warum? Für einen echten “Politkrimi” fehlte allerdings eine wichtige Zutat: politischer Inhalt. Im Vorfeld konnte man lesen, dass offenbar eine Szene neu gedreht wurde, die einen unsympathischen Alten zu nahe in die Nähe der SVP rückte. Nun blieb er zwar drin, doch mit dem harmlosen Thema Gemeindefusionen war man meilenweit weg von den wirklich kontrovers diskutierten grossen Fragen der Schweizer Politik, die durchaus auch in Deutschland immer wieder für Aufsehen sorgten: Minarettverbot, generell unsere Ausländerpolitik und die vielen grossen Plakate, die man aktuell ja auch wieder sieht. Mehr Mut des Schweizer Fernsehens hätte nicht geschadet. Wenn schon Politik im Tatort vorkommt, dann bitte richtig oder mindestens etwas konkreter, was heute in der Schweiz politisch läuft.

Apropos Deutschland: Die Synchronfassung soll ja arg verunglückt sein. Ich finde, wir sollten “die Schweizer” in Deutschland nicht blöder darstellen als wird sind, nicht schlechter hochdeutsch reden als effektiv viele können. Eigentlich seltsam, fand ich hingegen, dass kein einziger Deutscher vorkam in der Schweizer Version! Denn das ist doch auch eine aktuelle Entwicklung in der Schweiz, die man aufgreifen dürfte, dass es seit der Personenfreizügigkeit mehr Deutsche hier gibt, über die sich nicht immer alle freuen. Statt dessen importierte man eine CSI-Heldin aus den USA, die perfekt Schweizerdeutsch sprach, obwohl sie (in der Fiktion) im Alter von 7 Jahren umzog. Nicht wirklich ganz überzeugend. Was nun die übertriebenen Träume betrifft, Luzern würde durch den Tatort auf einen Schlag zur Schweizer Filmstadt aufsteigen, kann ich nur müde lächeln. Zwei Sexszenen mit einer amerikanischen Schauspielerin machen eben noch kein Hollywood. Das bleibt Wunschdenken!

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