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Mitten im Orkan

Ich wage mal den Versuch, die Nachrichten zusammenzufassen, die uns seit Herbst 2008 und nochmals verstärkt seit letztem Sommer dauernd erreichen: Bankenkrise, Finanzkrise, Rettungspaket, Staatsverschuldung, Bankrott, Ansteckungsgefahr, Stabilisierungsfonds, Krisengipfel, Währungskrieg etc. Was ist nur los mit dieser Geldmaschine, dass sie derart ausser Kontrolle geraten konnte? Viele haben mitgezockt und schön profitiert, bevor das System zusammenkrachte und das dürfen nun alle ausbaden. Die Politiker machen dabei keine gute Figur; Angela Merkel und Nicolas Sarkozy erscheinen nicht als die grossen Staatenlenker, die dem lecken Supertanker EU mit entschlossenen Schritten den Weg aus der Krise weisen. Mit den bisherigen Reförmchen wurde wenig erreicht und das Problem wohl eher verschlimmert, vor dem sie heute stehen. In den Worten der 68er, an die manche sich angesichts der Oppucy-Bewegung schon erinnert fühlen, sind sie wohl ein Teil des Problems… Und die Griechen? Wenn Giorgos Papandreos das Volk um Zustimmung zu einem einschneidenden Sparpaket fragen will, sehen alle sogleich rot; die sog. Finanzmärkte drehen noch schneller durch. Man bezeichnet die Griechen gelegentlich als die “Erfinder der Demokratie” (jaja, das waren eben nicht die alten Eidgenossen ;-)). Doch offenbar glauben die Europapolitiker nicht, dass ihre Stimmbürger über komplexe Probleme rational befinden können. Aber erweist man dem Projekt Europa nicht einen Bärendienst damit? Eigentlich müsste die europäische Zusammenarbeit jederzeit und überall mehrheitsfähig sein, sonst stimmt doch etwas nicht. Aber als Schweizer darf ich dazu ja wohl nicht viel sagen. Wir haben verschiedentlich entschieden, dass die Schweiz in Europa nicht mitentscheiden soll. So warten wir ab.

Noch geht es uns relativ gut in der Mitte des Orkans, der um uns tost. Griechenland bankrott? Italien als nächstes, oder Spanien, Portugal. Vielen ist’s egal. Man tut so, als wäre man völlig unabhängig und regt sich nur etwas auf, wenn nicht nur die reichsten Bewohner anderer Länder zu uns kommen (und z.T. das abgezockte Geld an den Steuern vorbei auf unseren Banken bunkern wollen, das ihren bankrotten Ländern dann fehlt), sondern auch solche, die hier ihr Geld redlich verdienen wollen. Das Lebensgefühl der Schweiz 2011 drückte Kutti MC in einem Interview gestern so aus: «Ich weiss einfach, dass wir uns hier in der Schweiz auf einer der letzten Inseln befinden. Wie unter einer Käseglocke, die unser ganzes System noch perfekt konserviert. Manchmal denke ich, die Schweiz ist ein Museum inmitten des Weltuntergangs.» Das letzte Wort ist vielleicht etwas gewagt, ausser man interpretiert den 2012 endenden Maya-Kalenders als Prophezeiung. Dass momentan gerade irgendetwas zu Ende geht, ist aber offensichtlich. Dazu meinte Stephan Eicher: «Das System bricht nicht gleich zusammen. Aber der Anfang vom Ende ist da.»

Aus jedem Ende kann wieder etwas Neues entstehen. Wie wird die Welt in ein paar Jahren aussehen? Anders, das steht fest. Doch das ist nichts Neues. Rückblickend war es extrem naiv, dass die Menschen in den reichen Industrieländern allzu lange glaubten, es würde ihnen auch in den nächsten Jahrzehnten immer nur gut gehen. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht. Genauso wenig wie auf zwei Sitze im Bundesrat, liebe SVP und liebe FDP. Das Museum inmitten des Weltuntergangs funktioniert jedenfalls noch leidlich gut, wenn das zur Zeit das wichtigste Problem hierzulande ist. Viele Griechen, Spanier und Isländer beneiden uns bestimmt. Aber sie haben ganz andere Sorgen.

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