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Nichts Neues zu Davos

Bern, Donnerstag abend. Viel Musik und Lärm rund um den Bahnhof. Beim Nähertreten bärtige junge Männer, die kostenlos “den heiligen Koran (in deutscher Sprache)” abgeben. Bei mir probieren sie es erst gar nicht, geht in Ordnung. Nein, diese drei Überzeugungstäter, die sich vermutlich schon einige Nettigkeiten anhören mussten, sorgen nicht für den grossen Krach. Es ist eine kleine Platzdemo mit vielen roten Fahnen und leider schlechten Lautsprecheranlagen, schade um den Mundartrap. Ich erhalte einen Flyer zugesteckt und lese ihn auf dem Nachhauseweg im Zug. In der lustlos aufgemachten Textwüste wird die Problematik der modernen Welt mit einer Gesellschaftskritik von 1870 erklärt, mit sauber belegten Zitaten. Marx in Ehren, aber der Kapitalismus unserer Tage ist doch etwas anderes als jener Frühkapitalismus des späten 19. Jahrhunderts. Insbesondere sind die “Klassen” nicht mehr derart klar sortiert und voneinander zu unterscheiden, wie es die jungen Marx-Adepten weismachen wollen. Nach ihrer Logik wäre jeder Chef und Abteilungsleiter ein Teil der oberen Klasse und alle anderen ausgebeutete Arbeiter. So einfach ist es wohl nicht.

WEF123Die Antiglobalisierungsbewegung respektive die Bewegung für eine andere, lies menschlichere Globalisierung, wie sie auf französisch sympathisch und genauer heisst (altermondialisme, les altermondialistes), gab um die Jahrhundertwende viel zu reden. Seither ist sie eingeschlafen. Proteste gegen das WEF finden zwar noch statt, doch die grosse Aufmerksamkeit erreichen sie heute nicht mehr. Das hat auch damit zu tun, dass es schon länger nicht mehr zu grossen Sachbeschädigungen im Umfeld solcher Demos gekommen ist. Doch ich bin überzeugt, dass man auch ohne solche Methoden Aufmerksamkeit auf sich richten kann. Etwa mit guten Analysen, witzigen Aktionen, neuen Einfällen. Wer hingegen weiterhin mit einer schwarz-weissen Welterklärung, wenn auch mit roten Fahnen, operiert und nicht einmal den Bezug zu heutigen sozialen Bewegungen von den Ingignados in Spanien, der Occupy Wallstreet und Aktivisten vom Istanbuler Ghezi Park, dem Kairoer Tahir-Platz bis zum Majdan in Kiew herstellt, kommt nicht weiter. Ohne Botschaft keine Aufmerksamkeit, so einfach ist das. Derweil können sich in Davos die “Herren der Welt”, die meist auch nur Getriebene der vielen komplexen Mächte sind, die sich in einer globalisierten Weltwirtschaft entfalten, bei guten Speisen ungestört unterhalten. Ihre Finanzkrise ist nicht vorbei, aber der Anti-WEF-Protest weiss dazu nichts zu sagen. Ist der Altermondialismus schon tot?

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