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Willisau und die Welt?

In der NZZ am Sonntag war kürzlich von sog. Hipstern zu lesen, die New York den Rücken kehren, um in entfernten Landstädtchen ihre Netzwerke des urbanes Lebens aufzubauen (PDF des Artikels). Auch in der Schweiz zeichneten sich erste solche Tendenzen ab, meinte der Autor des Artikels mit Bezug auf das Glarnerland. Bei mir/uns waren es klassische Gründe, die einen Wohnungswechsel nahe legten: Arbeiten und Wohnen sollten möglichst nahe beeinander sein, um den Pendelverkehr zu minimieren.

Künftig wird dieser Blog also statt in der Stadt Luzern hauptsächlich im schmucken Städtchen Willisau verfasst werden. Dadurch kann sich der Fokus gewiss etwas ändern, wobei ich schon zuvor fast nie über rein-städtische Angelegenheiten geschrieben habe. Und gemessen an nordamerikanischen Distanzen wären wir in Willisau immer noch mehr oder weniger in Luzern (in den entfernteren Suburbs gewissermasssen). Darum ändere ich den Titel des Blogs vorerst, der seit 2010 «Luzern und die Welt» lautete, ab in «Willisau, Luzern und die Welt». Nach wie vor wird es darin um Fragen rund um Geschichte, Politik und Gesellschaft gehen.

Baustellen verfolgen mich, wie ich immer wieder feststellen muss. In Rom war im August 2007 der Weg zur Wohnung meiner Gastfamilie gepflastert von Löchern für eine neue Metrolinie. Als wir den Sommer 2010 in Montpellier verbrachten, riss man dort ganze Strassenzüge auf, um neue Tramlinien zu installieren. Aber nicht nur auf Sprachreisen, sondern auch im Alltag wurde ich fleissig mit Baulärm versorgt: Kaum eingezogen im Luzerner Haldenquartier, begann die Überbauung der riesigen Nachbarparzelle. In Willisau wohne ich nun gegenüber einer Baustelle, die immerhin schon weit vorangeschritten ist. Willisau wird saniert Zugleich werden sämtliche Gassen im Städtchen saniert, damit ab Oktober die neue Begegnungszone noch besser erleb- und erfahrbar ist. Bei Tempo 20 sollen sich Fussgänger, Velo- und Autofahrer die Strasse teilen.

Wenn es nach mir ginge, dürften die drei Luzerner Landstädtchen Willisau, Sursee und Sempach ihr historisches Zentrum zwischen den beiden Toren auch gleich ganz autofrei erklären. Doch da sind die Widerstände offenbar noch zu gross. Von Seiten des Gewerbes fürchtet man Einnahmeausfälle. So ist eine Begegnungszone, wofür sich Willisau entschieden hat, wohl ein guter Kompromiss (und vielleicht der Zwischenschritt hin zu einer echten Flanierzone ohne jeden Autolärm). Ich freue mich jedenfalls auf viele Begegnungen, in diesem Blog, in den sozialen Medien und erst recht draussen im realen Leben. Geniesst den Sommer!

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Das Land der Milizblogger und Miliztwitterer

Twitter ist in aller Munde und heute gar das Thema in der beliebten Infosendung «Echo der Zeit» auf Radio DRS. Wenn ich mein Adressbuch durchsuchen lasse, entdecke ich effektiv immer mehr Personen, die ein Twitter-Profil führen. Ich followe gern, doch selten lese ich etwas von ihnen. Sie gehören zur Kategorie eins der Twitterer: Sie folgen ein paar Profilen und lesen nur (wenn überhaupt). Einige Politiker gehören immerhin zur Kategorie zwei: Sie folgen nicht nur, sondern verschicken auch dann und wann Tweets, wobei es sich meist um Hinweise auf neue Beiträge auf ihren Homepages handelt. Nur sehr wenige Twitterer gehören zur Kategorie drei, die nicht nur Tweets senden, sondern damit auch interagieren. Sie und nur sie stellen sowas wie eine neue Öffentlichkeit her; aus der Blogosphäre, über die Euphoriker ab 2004 redeten, wurde allmählich eine Twittosphäre. Kein Zweifel spielt sie gerade in Zusammenhang mit Konflikten in Regionen ohne grosse Medienvielfalt eine wichtige Rolle.

Doch bei uns, in der reichen Schweiz? Immer mehr Leute nennen ein Smartphone ihr Eigen, und da Twitter beispielsweise im iPhone schon fast im Betriebssystem sitzt, wird die Zwitscherei zweifellos zunehmen, oder zumindest der passive Konsum von Twitter. Doch dies allein erzeugt noch keine lebendige Blogosphäre. Philippe Wampfler stellte gestern die Frage, woran es liege, dass aus den hiesigen Bloggern “nichts” werde. Es stimmt: Anders als in anderen Ländern gibt es hierzulande praktisch kein Blog, der berühmt wurde, der zu einer vielbeachteten medialen Plattform geworden wäre. Es gibt auch so gut wie keine Personen, die über ihre Bloggertätigkeit bekannt wurden. Es gibt zwar etwa Manuela Hofstätter, eine Buchhändlerin, die durch ihre Twittermessages und ihren Blog zu Einladungen in Bibliotheken kommt. Und sicher viele Leute, die über andere Spezialgebiete bloggen und twittern. Doch bekannt ist anders. Woran liegt das?

1. Die Schweiz ist schlicht relativ klein. Daher beschränkt sich die Ausstrahlungskraft helvetischer Blogs auf eine kleine Sphäre. Zwar könnte die Öffentlichkeit potentiell sehr gross sein (hohe Smartphone-Dichte), doch sind die Kanäle vielen noch nicht bekannt.
2. Vom Bloggen lässt sich (noch?) nicht leben. Das hängt mit der Problematik zusammen, dass es noch immer keine Vergütungsmodelle gibt, die wirklich funktionieren. Das Wehklagen über die Gratismentalität bringt nichts. Es geht nicht an, die Konsumenten zu kritisieren; sie erlebten, dass praktisch alle Inhalte im Internet immer gratis waren, warum sollte man plötzlich bezahlen müssen (viel Geld fliesst nur an die Provider und Telekomfirmen).
3. In der Schweiz haben es Innovationen schwer. «Warum muss das jetzt sein?» – «Was soll das?» – «Wozu soll das gut sein?» – «Wieso diese SMS an alle?» lauten häufige Fragen zu Twitter. So liegt ein grosses Potential für mehr Meinungsvielfalt noch weitgehend brach. Viele ärgern sich über ihre Tageszeitung, doch in der sehr reichhaltigen Internetwelt ihre Informationen zusammen zu suchen, wagen sich erst wenige. Es ist eben etwas aufwändiger und die Bewertung der Angebote erfordert Medienkompetenz. Entsprechend verlieren die grossen Leitmedien zwar laufend an Auflage, doch geniessen sie weiterhin hohe Glaubwürdigkeit, was die Seriosität ihrer Meldungen und Kommentare betrifft. Derweil streichen Internetmagazine die Segel.

Wie können Autoren und Künstler im digitalen Zeitalter von ihrer kreativen Arbeit leben? Solange es keine Möglichkeiten gibt, vom Verfassen von Blogs, dem Kommentieren des täglichen Geschehens oder von innovativen Reportagen zu leben, müssen die allermeisten Blogger und Twitterer einem anderen Hauptberuf nachgehen. Sie sind vielleicht Lehrer, Buchhändlerinnen, Autoren, Filmemacher, Anwalt, Kleinunternehmer oder Angestellte. Einige sind Politiker, die den Kanal gern zur Information ihrer potentiellen Wähler nutzen. Genau wie die Politiker in der kleinen Schweiz offiziell Milizparlamentarier bleiben müssen, weil dies so gewollt ist, auch wenn es der Realität kaum noch entspricht, werden vorderhand die meisten Sozialmedienaficionados eben Milizblogger und Miliztwitterer bleiben. So geht das.

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Bümpliz und die Welt

Edita Abdieski (25) hat im Übermut nach ihrem Sieg bei der Castingshow X-Factor verlauten lassen, sie komme aus “so einer Scheissgegend in Bern”, womit sie das multikulturelle Quartier Bümpliz meinte. Dort stiess das manchen sauer auf und Edita krebste zurück, sie habe das doch nur so dahin gesagt. Bümpliz – die Banlieue von Bern? Den besten Ruf hat das Quartier im Westen Berns nicht gerade. Ganz ähnlich Schwamendingen oder Emmenbrücke – ehemalige Arbeitervororte, in die nicht mehr investiert wurde; der günstige Wohnraum wird nun von Armen, Ausländern und Auszubildenden genutzt.

Bümpliz ist aber nicht erst seit Edita schweizweit ein Begriff: Fast sein ganzes Lebens wohnte hier ein gewisser Carl Albert Loosli (1877-1956). Der Schriftsteller und Journalist mischte sich immer wieder engagiert in aktuelle Debatten ein, nahm stets Partei für die Diskriminierten und setzte sich als ehemaliges Verdingkind besonders für Jugendliche ein. Eine relativ früh zusammengestellte Aufsatzsammlung erschien 1906 unter dem Titel “Bümpliz und die Welt”. Ich wohnte einst eine Weile an der Looslistrasse in Bern-Bethlehem, nahe bei Bümpliz. Darum habe ich mich damals näher mit Loosli befasst und diese Texte gelesen. Als ich mir einen Slogan für diese neue Homepage überlegt habe, fiel mir “… über Luzern und die Welt” ein – nicht weil ich über Gott und die Welt philosophieren, aber lieber doch kein höchstes Wesen bemühen will. Nein, weil ich an Loosli dachte, dessen kompromissloses Engagement für echt humanistische Werte ich sehr schätze. Was er uns heute wohl zu sagen hätte, “der Philosoph von Bümpliz”? Wahrscheinlich würde er sich jedenfalls gewählter ausdrücken als Edita.

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Hallo Welt

“Hello, world!”, wie es in der Computerwelt heisst… Diese Seite erblickt heute das Licht der Welt. Willkommen auf dem neuen Blog.

Ich freue mich über eure Kommentare, faire und interessante Debatten. Ich hoffe, ihr kommt ab und zu vorbei und schaut die neuen Artikel an. Viel Spass beim Lesen und Nachdenken.

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