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Bildung nicht privatisieren

20140404_StipGes_WebFrontDie Befürworter des neuen Stipendiengesetzes argumentieren gern mit Arzttöchtern, die vom Staat Stipendien bekämen. Als Studienberater habe ich nie ein solches Beispiel erlebt, aber oft das Gegenteil: Viele Eltern erhalten keine Stipendien, selbst wenn mehrere ihrer Kinder in Ausbildung sind. Unterstützungsleistungen auf diejenigen zu beschränken, die es am nötigsten haben und die ohne sie nicht studieren könnten, geht in Ordnung. Jedoch leuchtet nicht ein, warum bei einer steigenden Zahl von Auszubildenden und Studierenden der Gesamtbetrag der Unterstützungen beim heutigen Betrag eingefroren wird. Ohne dazu zu stehen, wird einmal mehr bei der Bildung gespart.

Ganz entschieden lehne ich die Luzerner „Innovation“ ab, Studierende an die Meistbietenden auszuliefern. Bei Zinsraten bis 9% werden Studierende zu Investitionsobjekten, die möglichst bald rentieren müssen. In diesem kurzfristigen Denken sind nur Ökonomen oder Juristen lukrativ. Wenn Private Studierende mit Darlehen unterstützen wollen, dürfen sie das zwar gerne tun. Der Staat steht aber in der Pflicht, für ein gutes Bildungswesen und einen gerechten Zugang für alle zu sorgen. Diese Aufgabe darf er nicht privatisieren. Es soll nicht soweit kommen, dass die freie Studienwahl nur noch für Auszubildende aus besseren Verhältnissen gilt. Darum sage ich entschieden Nein zu diesem Luzerner Stipendiengesetz.

Als Leserbrief erschienen im Willisauer Boten vom 13. Mai 2014

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Lasst ihnen ihre Schule!


Unterschied zwischen meinem Geburtsjahr 1980 und heute: Damals sangen Schüler in der ganzen Welt, dass sie keine Erziehung bräuchten. Heute singen sie für eine Schule, konkret die Kanti Musegg.

Worum geht’s? Das Gebäude der Kantonsschule Musegg Luzern gehört der Stadt Luzern – früher war dort das städtische Lehrerinnenseminar, doch die neue Schule wird seit 1997 vom Kanton geführt. Daher bezahlt der Kanton der Stadt als Liegenschaftsbesitzerin jährlich mehrere Millionen Franken Miete. Was jahrelang akzeptiert war, soll nun plötzlich zu viel sein und dem Sparstift zum Opfer fallen.
Lieber Luzerner Bildungspolitiker, findet doch bitte eine konstruktive Lösung. Es ist doch ohnehin seltsam, wie viele Millionen da zwischen den Staatsebenen hin- und hergeschoben werden. Wie wäre es im konkreten Fall mit einer Flurbereinigung, vielleicht einem Gebäudetausch? Es ist doch sicher nicht zielführend, wegen einem an sich technischen Problem die Existenz einer ganzen Schule aufs Spiel zu setzen. Bildung finden doch alle gut, oder etwa nur, wenn sie möglichst wenig kostet?

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Obama-Stadt und Romney-Land

«Four more years» für Barack Obama, zuletzt deutlicher als von den Medien herbeigeredet. Endlich ist der teuerste Wahlkampf der Geschichte vorbei. Ich möchte kurz auf den Wahlsieg von Obama eingehen und eine Verbindung zur Schweiz herstellen. Der 44. Präsident der USA hat bekanntlich mehrere sogenannte Swing States erneut gewonnen, das war der Schlüssel zum Erfolg. Schaut man jedoch nicht die Karte der Bundesstaaten, sondern jene der Bezirke an, erkennt man noch ein deutliches Bild: Obama gewann mehrheitlich in den Städten und im wachsenden Umland, während Mitt Romney in den weiten, dünner besiedelten Landschaften des Mittleren Westens und des Südens obenaus schwang.
Wahlresultat 2012 nach Counties (mit Standorten von Unis)

Stadt – Land / liberal – konservativ. Dieses Bild kennen wir in der Schweiz nur zu gut, ist der Stadt-Land-Gegensatz doch die wichtigste Konfliktlinie der jüngsten Geschichte, entlang der praktisch sämtliche Volksabstimmungen der letzten Jahre entschieden wurden. Doch das Phänomen ist noch älter, man denke etwa an den Kanton Luzern, der von 1830 bis ca. 1970 geprägt war vom scharfen Gegensatz zwischen der liberalen Stadt und der katholisch-konservativen Landschaft. In den letzten 40 Jahren hat sich dieser alte liberal-konservative mit einem neuen links-rechts-Antagonismus verbunden. Die Städte sind nun nicht mehr nur liberal, sondern noch stärker auch links und grün geworden, in der Summe also links- bzw. grünliberal, die Landschaft vermehrt nationalistisch. Darin besteht eine wesentliche Differenz zu den USA, dass im alten Europa die Religion an Bedeutung verlor und der Wohlfahrtsstaat auf grössere Zustimmung stösst. Aber abgesehen davon beobachtet man beidseits des Atlantiks häufig die Gegenüberstellung von Stadt- und Landbevölkerung, die oft mit einem unterschiedlichen Mobilitäts- (ÖV, Auto) und Wohnverhalten (Eigentum, Miete) einhergeht.

Nun sind die Städte gewissermassen im Vorteil, da die Landschaften zunehmend in den Sog der Grossstädte einbezogen werden. Das erklärt u.a. den Erfolg Obamas in einigen traditionell ländlichen Bundesstaaten, wo bevölkerungsreiche Bezirke in der Nähe eines Ballungsgebiets in einem anderen Bundesstaat den Ausschlag gaben. Bei uns gibt es ähnliche Phänomene, wenn etwa der Kanton Basel-Landschaft zunehmend vom Agglogürtel der Stadt Basel dominiert wird. Doch wie kommt es eigentlich zum Stadt-Land-Graben? Häufig gehörte einfache Erklärungsansätze lauten:

  • In den Städten wohnen mehr Angestellte der staatlichen Verwaltung und Lehrpersonen, die häufig links wählen.
  • Auf der Landschaft gibt es mehr Gewerbetreibende und Handwerker, die konservativ und rechts wählen.
  • Die Städte sind dichter besiedelt und leiden stärker unter dem Verkehr, ihre Bewohner wählen öfter grün.

Es gibt viele weitere Gründe, die den unterschiedlichen Wirtschafts- und Lebensstil von Stadt- und Landbewohnern erklären und damit ihre verschiedenen politischen Präferenzen. Eine ganz wichtige sehe ich im Faktor Bildung. In Anlehnung an Bill Clintons Diktum könnte man Romney zurufen: «It’s the education, stupid!» Man betrachte auf der oben abgebildeten Karte die Standorte von Universitäten. In den Städten leben auch bei uns mehr Mittelschul- und Universitätsabsovlenten, auf der Landschaft mehr beruflich ausgebildete Fachkräfte. Ich will nicht das eine oder das andere besser oder schlechter reden, da beides nötig und wichtig ist. Nur stelle ich mir schon die Frage, woran es eigentlich liegt, dass beispielsweise die Sozialdemokratische Partei, die einst als politische Interessenvertreterin der Arbeiterbewegung für die sog. Proletarier kämpfte, heute von gut ausgebildeten Angestellten, Lehrpersonen und Künstlern gewählt wird (“soziokulturelle Spezialisten”), während die eigentliche Arbeiterschaft heute eher konservative und nationale Orientierungen vertritt. Was ist da seit «68» passiert? Und müssen sich Stadt und Land, intellektuell und manuell oder technisch ausgebildete Fachkräfte immer weiter auseinander entwickeln? Es bräuchte eine neue Meta-Erzählung, um den Graben wieder zu schliessen, eine von Stadt- wie von Landbewohnern gleichermassen geteilte Vision von den Herausforderungen der Zukunft und wie man sie anpacken will. Zur Zeit sind allerdings weit und breit keine solchen Ansätzen zu erkennen, weder in den USA noch im alten Europa. (Nein, auch Obama konnte das nicht.)

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Kritische Fragen zur Wirtschaftsfakultät

Die Idee einer Wirtschaftsfakultät an der Universität Luzern ist streng genommen eine Notlösung. In einem Strategieprozess hat sich eine Arbeitsgruppe mit Zukunftsplänen für die junge Uni befasst. Sie kam zum Schluss, dass Luzern punkten könnte durch ein Betreuungsverhältnisses von 1:40 (1 Professur pro 40 Studierende), den Aufbau eines Zentrums für angewandte Forschung und einer Schwerpunktsetzung in Gesundheitswissenschaften mit einem neuen Studiengang Psychologie. Die Regierung lehnte die vom Universitätsrat vorgelegten Wünsche im letzten Dezember rundweg ab. Die Begründung war wenig überraschend: Das sei viel zu teuer, insbesondere die Verbesserung des Betreuungsverhältnisses würde den Kanton rund 10 Millionen Franken jährlich kosten. Es erging der Auftrag an die Universität, anstelle von Psychologie den Aufbau einer Wirtschaftsfakultät zu prüfen. Die Regierung äusserte Bedenken, ob AbgängerInnen der Psychologie genügend Arbeitsmarktchancen hätten. Das scheint für Ökonomen nicht zu gelten.

Nun befindet sich die Universität in der komischen Lage, die Idee einer Wirtschaftsfakultät zu verteidigen, die sie gar nicht wollte. Es gibt gute Einwände gegen die Ideen des Regierungsrates:

  1. Braucht es mehr Ökonomen? Die Finanzkrise hat mancherorts zum Abbau solcher Jobs geführt. Zudem besteht mit dem praxisorientierten Studiengang an der Hochschule Luzern bereits ein gutes Angebot.
  2. Ein Wirtschaftsstudium an der Universität ist stärker theoretisch. Doch damit erfüllt es das von der Regierung ins Feld geführte Argument der “Arbeitsmarkttauglichkeit” weniger.
  3. Diese Sichtweise ist generell in Frage zu stellen. An der Universität Luzern studieren heute ca. 2200 Studierende in drei Fakultäten, neben Theologie und Recht rund 800 in geisteswissenschaftlichen Fächern. Diese werden aus ihrem Umfeld immer wieder gefragt: “Und, was wird man damit?” Doch trotz dieser Vorbehalte hinsichtlich späterer Berufschancen nimmt die Zahl der Studierenden an der KSF weiterhin zu. Ich begrüsse es sehr, wenn Studierende primär aus Interesse und Freude an der Sache studieren.
  4. Die Arbeitswelt ist derart im Wandel, dass man heute nicht die Berufsaussichten von morgen vorhersehen kann. An Hochschulen werden grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit dem wachsenden Wissen der Welt erworben – und das ist in einer Wissensgesellschaft immer mehr gefragt.

Luzern ist gut beraten, nicht alles nur mit einer wirtschafts- und finanzpolitischen Brille zu betrachten. Geld allein macht nicht glücklich. Eine Universität pflegt durch Lehre und Forschung die Wissenschaft, diese schafft Wissen. Studierende treten ein in diese Wissenswelt und bringen sie weiter. Hochschulen sind mehr als blosse Titelfabriken, die zu möglichst gut bezahlten Jobs führen. Von Bildungsstätten profitieren deren Standorte enorm, sie bringen die Gesellschaft voran – aber das lässt sich längst nicht immer in Geld und Arbeitsplätzen messen.

Dieser Artikel erscheint auch als Kolumne auf lu-wahlen.ch – Das ganze Meinungsspektrum. Auf dieser überparteilichen Seite finden Debatten im Vorfeld der Luzerner Kantonsratswahlen statt.

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