Kategorie-Archiv: Religion

Hoffen darf man immer

An diesem Mittwoch änderte sich formal einiges: Das neue Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche stammt erstmals aus Übersee, ist erstmals ein Jesuit und wählte erstmals den bisher unpäpstlichen Namen Franziskus. Der argentinische Erzbischof Jorge Mario Bergoglio stand auf keiner Liste der angeblichen Favoriten, die Vatikanisten zuvor herumboten. Anderseits war nun da und dort zu lesen, dass er 2005 der Gegenkandidat zu Joseph Razinger gewesen sein soll. Das ist nun aber seltsam, dachte ich doch, das Geschehnisse während des Konklaves geheim seien. Wenn man es zuvor nicht wusste, warum weiss man es nun plötzlich? Oder wenn es manche zuvor schon wussten, warum galt Bergoglio dann nicht gleich als einer der möglichen Kandidaten? Wer weiss schon, wer was weiss… Wie Vatikleaks zeigte, gibt es ohnehin einiges zu tun, was die Aktivitäten der Kurie betrifft.

In der Öffentlichkeit bestach der neu gewählte Papst durch seinen warmherzigen Auftritt und die demonstrative Bescheidenheit. Mit dem Jesuiten, der den Gründer Franz von Assisi eines anderen Ordens zum Namensgeber wählte, scheint im Vatikan ein neuer Wind zu wehen. Das ist grundsätzlich sehr erfreulich und bestärkt in der Kirche all die vielen, denen es effektiv um die Menschen geht und nicht um irgendwelche Dogmen. Ob Bergoglio neben einem neuen Stil auch inhaltlich die eine oder andere Veränderung in die Wege leitet, wird sich zeigen. Was andere sexuelle Orientierungen betrifft, ist nicht allzu viel zu erwarten; als in Argentinien ein Eherecht für Homosexuelle eingeführt wurde, sah er darin ein Werk des Teufels. Dem vielfältigen Wirken der Frauen in der Kirche, ohne die sie kaum mehr funktionieren würde, mag er allenfalls zumindest mehr Anerkennung zollen. Die Frauenordination wird jedoch auch unter Franziskus kaum ermöglicht. Vom Zölibat reden wir schon gar nicht.

Den grössten Handlungsbedarf sehe ich persönlich in der Frage der Verhütung und besonders dem Einsatz von Kondomen. Nicht hier – in den westlichen Ländern werden Verhütungsmittel ohnehin eingesetzt, da mögen kirchliche Autoritäten sagen was sie wollen. Doch besondern in den armen Ländern könnte die vermehrte Verwendung von Kondomen viel Leid und Todesfälle durch AIDS verhindern, wenn Neuansteckungen mit dem HIV-Virus vermieden würden. Es ist eine beliebte Streitfrage, wie viel eine einzelne Person in der Geschichte bewirken kann. In der katholischen Kirche, die in den Orden relativ demokratisch, als gesamte Institution jedoch monarchisch verfasst ist, kann der Oberste ziemlich viel tun. Und in den christlichen Gesellschaften Lateinamerikas und Afrikas hat das Wort des Papstes viel Gewicht. Mit einer realistischeren und positiveren Haltung zur menschlichen Sexualität, die fast notwendig zur Erlaubnis von Kondomen zur Krankheitsprävention führen müsste, würde Franziskus meines Erachtens sehr vielen helfen. Bis zum Beweis des Gegenteils darf man hoffen, dass der vormalige «Erzbischof der Armen» effektiv daran interessiert ist. Dass er auch schon AIDS-Kranken die Füsse gewaschen hat, ist ein gutes Vorzeichen.

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Islamophober Walliser

Oskar Freysinger, Walliser SVP-Aushängeschild, wirft Islam, Islamisten und alle Muslime in den gleichen Topf. Zwar anerkennt er, dass es viele “gemässigte Muslime” gebe, doch den Islam sieht er als gefährliche Ideologie. Auf Radio Suisse Romande liess er verlauten, der Islam sei eben weit mehr als bloss eine Religion, nämlich eine Weltanschauung mit Rechts- und Moralvorstellungen, die er allen vorschreibe. Abgesehen davon, dass damit ein extrem statisches Bild einer absoluten Gehorsam einfordernden Religion als unverrückbarer monolithischer Block gezeichnet wird, hätte eine vergleichende Betrachtung Interessantes an den Tag gefördert: Auch das Christentum ist so gesehen eine Ideologie, auch hierzulande wurden Rechts- und Moralvorstellungen in seinem Namen durchgesetzt. Gerade als Walliser müsste Freysinger doch wissen, wie lange der Katholizismus sich als starke Staats- und Gesellschaftsideologie halten konnte und zum Teil bis heute hält. Ziemlich ähnlich wie heute radikale Islamisten Frauenrechte ablehnen, so haben katholische Walliser seinerzeit auch das Frauenstimmrecht, Konkubinat und Scheidung abgelehnt.

Geschichte hilft dabei, Zusammenhänge zu ziehen und Gegenwärtiges mit Vergangenem zu vergleichen. Das wiederum kann Orientierungswissen liefern. Die Betrachtung der Geschichte lehrt ebenfalls, dass nichts in Stein gemeisselt ist und nichts ewig gleich bleibt oder gleich ausgelegt wird. Der Islam von Mohammed im 7. Jahrhundert nach Christi hat nicht mehr viel Gemeinsamkeiten mit dem praktizierten Islam der heute in Europa lebenden Muslime, genauso wie der westliche Islam sehr wenig gemein hat mit den Hasspredigten eines Bin Ladins oder mit dem Staatsislam einer nach Atomwaffen strebenden Mullah-Republik. Eine kleine Geschichtslektion hätte Freysinger sicher nicht geschadet. Und als Deutschlehrer an einem Gymnasium wäre er eigentlich sehr nahe an der Quelle. Freysinger täte besser daran, ab und zu mit seinen Kollegen von der Fachschaft Geschichte zu diskutieren, statt in halb Europa bei allerlei rechtskonservativen und rechtsextremen Islamophobikern aufzutreten.

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Kruzifix nochmal

Fast 12’000 Unterschriften für eine Petition, die verlangt, dass Kruzifixe und Kreuze auf öffentlichem Grund hängen bleiben dürfen, haben junge Aktive der Luzerner SVP und der CVP in recht kurzer Zeit gesammelt. Schön und gut, aber was soll das beweisen? Ich wette, dass man in Kürze auch 12’000 Leute finden würde, die zumindest die hässlichen Kruzifixe weniger häufig sehen möchten. Aber wozu wertvolle Lebenszeit damit vergeuden, wenn es überall wichtigere Probleme gibt?! Offenbar sehen das die jungen Leute, die hinter der Bittschrift stehen, anders. Sie tun so, als wäre das Kreuz in Gefahr und beschwören eine regelrechte Identitätskrise herauf. Aber sie täuschen sich meines Erachtens selbst, denn niemand will “unsere eigene Kultur verdrängen”, wie es in der Pressemitteilung behauptet wird.

Welche Kultur bitteschön wäre das eigentlich genau genommen, die “wir” alle teilen? – Und wer ist eigentlich genau gemeint mit dem “Wir”, wer bestimmt wer zum “Wir” dazu gehört und wer beim geringsten Verdacht besser ausgeschafft wird? Wenn sich eine Gemeinschaft negativ dadurch definiert, wer sie nicht ist – wer wird dann ausgeschlossen von diesem SVP/CVP-Wir? Einfach alle Nichtchristen, Nichtausschaffer, Nichtminarettverbieter, Nichtsuperpatrioten oder halt grad alle Nicht-SVP-Wähler? Denn der Slogan 2011 wird ja schlicht lauten “Schweizer wählen SVP”. Ich bin dagegen, dass ich kein Schweizer mehr sein soll, nur weil ich nächstes Jahr wieder die Grünen wählen werde.

Es ist sinnloses Gerede, es gibt sie schlicht nicht, diese “unsere” Schweizer- oder Christen-Kultur. Werte und Gesellschaften verändern sich dauernd und das ist normal. Symbolpolitik bringt nichts. Grössere Probleme sehe ich heute im gefeierten Egoismus, schrankenlosem Profitstreben und grenzenloser Gier nach immer noch mehr, die bestimmte einflussreiche Sozialgruppen zum Mass aller Dinge gemacht haben. Aber die globale Problematik ist sehr schwierig anzugehen, und da inszeniert der Politnachwuchs eine ideale Stellvertreterdiskussion. In schwierigen Zeiten sehnen sich die Menschen nach sicheren Werten und wenn man ihnen einredet, das Abendland sei in Gefahr, gibt noch mancher gern seine Unterschrift. Aber das Abendland ist nicht in Gefahr wegen 4 oder 5 Minaretten im Schweizer Mittelland. Und wenn der Grossteil der Luzerner Papierli-Katholiken die Kirche nur noch einmal im Jahr an Weihnachten aufsucht, sollte man das Christentum auch besser nicht als Waffe gegen unerwünschte neue Minderheiten missbrauchen. Eine Petition ist eine Bittschrift. Wenn ich auch eine Bitte hätte, dann wäre es diese: Verschont uns bitte in Zukunft mit solchen Petitionen! Frohe Weihnachten.

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Das Kreuz mit dem Kreuz

Das Kreuz ist ein Zeichen der christlichen Religion, die hierzulande vielleicht nicht mehr so ernst genommen wird wie auch schon, aber weiterhin sicher die Hauptreligion ist/sein wird. Auf Berggipfeln stehen Kreuze als Zeichen der Besinnung oder als Verweis auf eine lange Tradition. In Schulzimmern hingen und hängen Kreuze oder Kruzifixe – sie erinnern an die frühere Dominanz der Kirche über die Bildung. Vielleicht sind sie deshalb manchen Leuten ein Dorn im Auge. Aber was wird denn erreicht, wenn sie nicht mehr hängen dürfen? In Triengen musste zuletzt der Opponent praktisch über Nacht fliehen. Er begründete sein Anliegen, es dürften keine Kruzifixe im Schulzimmer hängen, mit dem Verweis auf die Religionsfreiheit (auch die Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters haben diese garantiert). Leidtragende waren seine Kinder, die sich vielleicht gar nicht daran gestört haben. Nur gut waren es wenigstens nicht Muslime, die den jüngsten Kreuzstreit ausgelöst haben; sonst hätte es wieder getönt wie vor einem Jahr während der zusehends irrationalen Minarett-Debatte.

Die Sache erzeugte ein grosses Echo. Nun wittern Luzerner SVP- und CVP-Kreise Morgenluft. Sie wollen ein Komitee zur Verteidigung der Kreuze und Kruzifixe gründen. Bei der CVP liegt das Motiv nahe: alte Tradition und Nostalgie. Bei der SVP auch: Intoleranz gegen Andersgläubige, besonders Muslime. Ich finde, Kreuze sollten weiterhin ihren Platz haben dürfen. Und Religionsfreiheit heisst für mich nicht, dass in staatlichen Institutionen rein gar nichts an Religionen erinnern darf; nichts spricht z.B. gegen Weihnachtsfeiern in der Schule. Aber ich bin dezidiert der Meinung, dass man religiöse Symbole auch nicht als ideologische Kampfmittel missbrauchen sollte. Diese Gesellschaft, wir alle, egal ob gläubig oder nicht, sollten ein entkrampteres Verhältnis zur Religion finden. So erreicht man eher ein friedliches Zusammenleben aller Menschen als mit irgendwelchen komischen Kreuzverteidigungsbündnissen.

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