Kategorie-Archiv: Medien

Jeder Container zählt

Jeder Rappen zählt - auf dem Bundesplatz in Bern (15.12.)Letztes Jahr zum ersten Mal, für Malaria. Diesmal sind die Kinder, speziell als Kriegsopfer, im Fokus einer grossen Spendenaktion. Die Themen scheinen einigermassen willkürlich gewählt, aber sie sind völlig unpolitisch: Wer ist schon gegen die Unterstützung von Malariaopfern oder wer will schon gegen die Ausbeutung von Kindersoldaten sein? Gleichwohl hängen alle Probleme der Welt irgendwie immer zusammen mit der ungerechten Verteilung des Reichtums, den Folgen von Ausbeutung und Globalisierung. Aber das ist kein Thema bei der properen Aktion auf dem Bundesplatz, bei der alle Schweizer (auch solche ohne Pass) ihr grosses Herz demonstrieren dürfen, manchmal sogar mit den berühmten 15 Minuten Medienpräsenz. So können auf der Homepage alle Aktionen gemeldet werden, die man für Benefiz veranstaltet. Und fast jeder Mützenhändler, Männerchor oder Trachtenverein und viele Unternehmen zählen etwas auf. Heute ist jetzt auch noch der “Blaue Tag”, denn:

Die Schweiz bekennt Farbe. Zusammen machen wir Blau zur Farbe der Hoffnung. Hoffnung für Kinder, die in Kriegsgebieten aufwachsen müssen.

Warum blau plötzlich die Farbe der Hoffnung ist (und nicht grün)? Keine Ahnung. Scheint egal zu sein, Hauptsache die Party läuft auf allen Kanälen. Es ist mir auch im zweiten Jahr noch immer völlig unerklärlich, warum sich für eine Sammelaktion (für einen an sich sehr noblen Zweck) mehrere Moderatoren eine Woche auf dem Bundesplatz in einen Glascontainer einschliessen müssen. Ich versteh’ den Link zwischen Big Brother-Container-Voyeurismus und ernst gemeinter Glückskette-Sammelaktion nicht. Kann mir das jemand erklären? Dann teilt es mir bitte mit. Jede Antwort zählt.

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Wikileaks leckt weiter

Eine Website macht in letzter Zeit unerhört viele Schlagzeilen: Wikileaks. Zuerst bekannt geworden durch einzelne Indiskretionen von begrenzter politischer Bedeutung, spezialisierte sich das Portal in den letzten Monaten zunehmend auf die Publikation ganzer Pakete von als geheim klassierten Unterlagen. Im Sommer die Afghanistan- und kurz darauf die Irak-Tagebücher, nun folgte ein umfangreiches Dossier von diplomatischen Akten aus dem US-Aussenministerium. Da erfährt man viel Belangloses, aber auch einige recht interessante Einschätzungen von Botschaftern.

Wikileaks-LogoWikileaks-Gründer Julian Assange sorgt daneben aber auch für Schlagzeilen persönlicher Art, infolge seiner Anklage wegen Vergewaltigung und der heutigen Verhaftung in England. Man kann sich fragen, warum Schweden die Unklarheiten um sexuelle Beziehungen Assanges mit zwei Schwedinnen (mit oder ohne Kondom) als so schwer bewertet, dass es diesen gleich wegen Vergewaltigung per Interpol zur Verhaftung ausschreibt. Wer den Amerikanern sowieso nichts glaubt und überall Verschwörungen wittert, für den ist der Fall klar: Assange wird zum Opfer seiner Enthüllungen resp. des immensen Drucks, der nun von den USA auf befreundete Staaten ausgeübt wird, Assange und Wikileaks zu stoppen. Doch die momentane Hetzjagd bewirkt ja gerade das Gegenteil: Die Site wird jeden Tag und mit jeder Schlagzeile über die privaten Probleme Assanges noch bekannter und damit populärer. Gäbe es also eine Verschwörung der USA, Schwedens und meinetwegen noch anderer Länder, dann ist sie vor allem eines: dumm und kontraproduktiv.

Auch in der Schweiz gibt es Schlagzeilen. Es ist schon auffällig, dass PostFinance gerade jetzt im höchsten Hype um Wikileaks erst entdeckt, dass das Genfer Spendenkonto von Wikileaks unter falschen Angaben eröffnet wurde. Natürlich gab es auch da keinerlei Druck, heisst es offiziell. Derweil kann sich die Piratenpartei ein bisschen im Schatten Assanges im Medienlicht sonnen, weil sie die Website wikileaks.ch schon vor Monaten registriert hat, und Wikileaks nach der Abschaltung der Hauptseite wikileaks.org von vielen existierenden Parallelseiten just diese hervorhob.

Mit oder ohne Druckversuche wird Wikileaks weitermachen, soviel steht heute fest. Irgendwo findet sich immer ein Ort, wo die Server vor dem Zugriff feindlich gesinnter Staaten sicher sind, und die Erfahrungen von China und anderer Länder zeigen, dass es fast unmöglich ist, schlaue Internetnutzer von bestimmten Inhalten völlig fernzuhalten, irgendwo twittert’s, blogt’s und leakt’s immer. Insofern ist das Web 2.0 sicher ein Gewinn für die Demokratie. Inwieweit es die geheimen und von Wikileaks zu Sensationen erklärten Dokumente sind, ist eine andere Frage. Besucht man z.B. die erwähnten Warlogs, so sieht man zuerst mal eine riesige Datenwüste, ob der einem schier schwindlig wird. Es braucht nach wie vor Spezialisten, um dieses Material auszuwerten und in grössere Zusammenhänge zu stellen. Nicht erstaunlich darum, dass Wikileaks mit klassischen Medien zusammenarbeitet, wie etwa dem deutschen Spiegel. Für die Gegenwart gut ausgebildete Journalisten, später werden sich auch Historiker am Material gütlich tun können. Sicher hat es im grossen Steinbruch interessantes Material, aber ob es als historische Quelle letztlich sehr brauchbar ist, wird sich erst noch zeigen.

Sicher ist aber heute schon: Wikileaks ist gerade dabei, die Diplomatie zu verändern. Wird man in Zukunft viel weniger als heute schriftlich fixieren, weil es jederzeit leaken könnte? Sollen Botschafter nur noch mündlich berichten oder müssen E-Mails einfach viel besser geschützt werden als heute? Vielleicht gäbe es aber noch eine andere, relativ einfache Art, Wikileaks den Wind aus den Segeln zu nehmen: Wie wäre es mit einer transparenteren Diplomatie und Weltpolitik?

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Mickriger Inhalt

Die Titel-Schlagzeile der Gratisausgabe einer beliebten Schweizer Boulevard-Zeitung ist heute Abend noch blöder und banaler ausgefallen als sonst. Es gibt etwas was noch viel mickriger ist als das gute Stück des Sängers auf dem Titelblatt: Der Informationsgehalt solcher Meldungen.

Aber das passt durchaus ins Konzept dieses Gratisblatts. Es ist im Wesentlichen eine Abfolge von bunten Bildern mit Fokus auf irgendwelchen Promis, Starlets oder Möchte-gern-Celebritys. Einzig auf der Hintergrund-Seite findet man manchmal noch einigermassen gut recherchierte Informationen zu einem aktuellen Thema. Nach dem Sport folgen blaue Seiten, auf denen die sonst schon unscharfe Grenze zwischen redaktionellem Teil und gekaufter Werbung vollends verschwimmt: Technik-News, gesponserte Reisereportagen, Lobhudeleien auf teure Marken und Modetrends. Schliesslich endet der allabendliche Aufguss des Immergleichen mit Comics, Singles, die sich ins beste Licht rücken und SMS von mitteilungsbedürftigen Menschen, denen es nicht genügt, diese bloss an die betreffenden Personen direkt zu schicken.

Das Tabloid wird viel beachtet, vor allem von den Pendlermassen in den Zügen. Es wäre eine Chance, die leider nicht genutzt wird. Aber vielleicht ist es ja bloss die perfekte Verkörperung des momentanen Zeitgeists: lauter kleine Infohäppchen, Promi-Vergötzung, dauerndes Handy-Gequasel – aber bitte keine, wirklich niemals ein bisschen längere und präzisere Information. Heilige Einfalt!

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