Kategorie-Archiv: Kultur

Sag’s schnell…

Der Schweiz geht es ökonomisch gut, verglichen mit dem europäischen Umfeld schon fast unverschämt gut. Sind wir deswegen aber auch glücklich? Sicher gibt es viele, die sich gut einrichten und ein angenehmes Leben führen, was immer sie auch darunter verstehen. In der Ferienzeit braten einige auf einem Badetuch ihren Körper in der Sonne, die Kinder planschen im Meer, andere wandern in den Bergen oder touren quer durch Amerika. Doch nicht alle wissen ihr Leben zu geniessen. Nach wie vor hat die Schweiz eine erschreckend hohe Rate von Selbstmorden. Es sind einerseits jedes Jahr etliche Jugendliche und junge Erwachsene, die ihrem Leben ein frühes Ende setzen. Anderseits gibt es auch immer wieder Fälle von Männern (und seltener Frauen) in den sogenannt besten Jahren, die von einem Tag auf den anderen aus dem Leben scheiden. In beiden Fällen lassen sie Angehörige, Freunde und Bekannte meist völlig ratlos zurück. Kinder wachsen ohne Väter auf, Partner/innen machen sich Vorwürfe, Freunde fragen sich, ob sie es hätten merken müssen und was sie hätten tun können.

Es gibt Fälle, wo ein Suizid einer langen Krankheit vorgezogen wird. Doch das ist eher der Fall bei Älteren, die um Sterbehilfe bitten. Bei den erwähnten beiden Kategorien handelt es sich meistens um kerngesunde Männer und Frauen, zumindest körperlich. Was ihre geistige Gesundheit betrifft, ist es schwieriger zu sagen. Nach einem Suizidversuch finden sich manche Patienten in der Psychiatrie wieder. Lässt ein Suizid(versuch) also auf eine psychische Krankheit schliessen? Ich denke nicht, dass man das pauschal so werten kann. Wenn jemand monatelang heimlich Pläne schmiedet und im Kopf alle möglichen Arten durchgeht, fast besessen ist von der Vorstellung, dann nehmen Suizidgedanken wohl den Charakter einer psychischen Erkrankung an. Doch viel öfter dürften es Kurzschlusshandlungen sein. Die Gründe sind individuell und ähneln sich doch: Stress am Arbeitsplatz, vielleicht noch ein Konflikt in der Partnerschaft, ein paar böse Worte, ein bevorstehender Geburtstag, der einen mehr beunruhigt als freut – verbunden mit dem Gedanken, dass es doch überhaupt alles sinnlos sei. In einem traurigen Moment muss vielleicht nur noch eine Waffe in der Nähe sein oder eine andere Gelegenheit.

Wir täten gut daran, mehr miteinander zu reden. Aber nicht (nur) nach der Devise «Sag’s doch schnell am Telefon». Statt omnipräsentes und oberflächliches Natel-Geplapper führen wir besser ehrliche, tiefgründige Gespräche. Unserer Gesellschaft mangelt es an Verständnis für Schwächen, Unsicherheiten und Gefühle. Wer darüber reden kann, ist kein Feigling, kein Versager, sondern zeigt echte Stärke. Und uns täte mehr Miteinander gut statt alle Gegeneinander, mehr inneren Frieden und Ruhe statt dem äusserlichen Streben nach einem hohen Posten auf der Karriereleiter und viel Geld. Wem es mal nicht gut geht, dem ist zu wünschen, dass er gute Freunde hat, die ihm zuhören und mit ihm nach passenden Lösungen suchen. Denn es gibt sie, erst recht in einem wohlhabenden Land.

Verwandte Beiträge:

  • Keine verwandten Beiträge

Holocaust kindergerecht vermitteln

Ich erinnere mich, dass mir ein Mitschüler in der Primarschule schon etwa mit 10 Jahren “Horrorgeschichten” erzählt hatte über schlimme Verbrechen, die sich nicht weit von hier und noch nicht so lange her ereignet haben sollen. Das bezog sich auf den Holocaust oder die Shoa, wie ich später lernte. Wie erklärt man Kindern eigentlich dieses Menschheitsverbrechen? Am Karfreitag zeigte das ZDF «Der Junge im gestreiften Pyjama» (2008), ein Film nach dem preisgekrönten Roman von John Boyne. Wäre dieses Werk geeignet, um im schulischen Kontext das Thema Holocaust/Shoa zu behandeln?

Hauptprotagonist des Werks ist der 8-jährige Bruno, der mit seiner Familie an einen unbekannten Ort umzieht, wo sein Vater Dienst für das Vaterland leistet. Von seinem Fenster aus beobachtet er, dass alle “Bauern” der Umgebung gestreifte Pyjamas tragen. In freien Stunden erkundet Bruno, der gerne Abenteuergeschichten liest und “Forscher” werden möchte, die Gegend und stösst am Ende eines Wäldchens auf einen grossen Zaun. Zufällig hat sich von der anderen Seite her der ebenfalls 8-jährige Schmuel in eine Ecke geflüchtet. Bruno lernt ihn kennen und besucht ihn von da an täglich, wenn er sich von zu Hause fortschleichen kann. Schmuel erzählt ihm, dass der Zaun nicht als Schutz vor den Tieren da ist und die “Bauern” Juden sind, die nicht freiwillig im Lager leben. Vom Hauslehrer erfährt Bruno anderseits, dass die Juden das Unglück Deutschlands seien und heimlich schaut er der Uraufführung eines Propagandafilms zu, in dem das Lagerleben in völlig euphemistischer Weise als eine Art nette Ferienkolonie dargestellt wird. Hin und her gerissen zwischen der Sympathie für den gleichaltrigen Schmuel und der Loyalität zu den Seinen beginnt Bruno an der Arbeit des Vaters zu zweifeln. Seine Mutter wird im Film als herzensgute, aber etwas naive Hausfrau dargestellt, die erst spät der Wahrheit über das Lager und die Mitverantwortung ihres Mannes ins Auge sieht. Sie scheint das Verbrechen abzulehnen und setzt immerhin durch, dass sie mit den zwei Kindern zu Verwandten umziehen wird. Bruno besucht am letzten Tag nochmals das Lager, kriecht unter den Zaun und schlüpft in einen “gestreiften Pyjama”, um Schmuel bei der Suche nach seinem Vater zu helfen. Dabei werden die beiden Jungen bei strömendem Regen in eine Kammer getrieben…

Die Handlung des Films beschränkt sich auf eine kurze Episode und eine eng begrenzte Zahl von Akteuren. Dass die Geschichte des schlimmsten Völkermords der Geschichte fast ohne historische Erklärungen (von kurzen Episoden der Unterweisung von Bruno und Gretel durch einen Hauslehrer abgesehen) aufgezeigt wird, ist die grosse Stärke des Werks von Boyne und der Verfilmung durch Mark Herman. Sowohl Bruno wie auch Schmuel eignen sich als 8-jährige, unschuldige und noch etwas naive Knaben gut zur Identifikation für gleichaltrige Zuschauer. Beiden ist nicht richtig bewusst, was um sie herum geschieht, denn beiden wird nicht alles erzählt. Doch das Zielpublikum sind offenbar gar nicht 8- bis 10-jährige Kinder. Tatsächlich wird der Film von der deutschen FSK erst ab 12 Jahren freigegeben, was sich durch Szenen der Gewalt und insbesondere das tragische Ende erklärt. Mit etwa 11 oder 12 Jahren beginnen sich viele Kinder für Geschichte zu interessieren und befragen beispielsweise ihre Grosseltern, wie “früher” das Leben war. Obwohl das besprochene Werk sehr gut erzählt ist, wäre eine Handlung mit 12- bis 14-jährigen Jugendlichen vermutlich interessanter für das Zielpublikum. Als Identifikationsfigur eignet sich die 12-jährige Gretel übrigens nicht. Sie vollzieht nach dem Geplänkel mit einem jungen Soldaten und einer einzigen Geschichtsstunde eine abrupte Wende; verbannt alle Puppen in den Keller und hängt sich Naziplakate ins Zimmer. Dass Jugendliche in den 1940er Jahren nicht für Popstars, sondern bisweilen für Soldaten oder Politiker geschwärmt haben, können wir heute kaum noch nachvollziehen. Wie lebten Jugendliche eigentlich damals und speziell in Dikataturen? Dazu braucht es mehr Bücher und Filme, von denen sich einzelne bestimmt noch besser für die schulische Erstbeschäftigung mit dem düsteren Kapitel Holocaust eignen als «Der Junge mit dem gestreiften Pyjama». Von der Grundidee her ist «Napola – Elite für den Führer» (2004) vielversprechend, doch vermittelt dieses Werk über eine NS-Kaderschmiede unterschwellig teilweise eine Verherrlichung des Regimes. Es ist ein schmaler Grat, eine jugendgerechte Sprache für dieses Thema zu finden.

Verwandte Beiträge:

  • Keine verwandten Beiträge

Das Land der Milizblogger und Miliztwitterer

Twitter ist in aller Munde und heute gar das Thema in der beliebten Infosendung «Echo der Zeit» auf Radio DRS. Wenn ich mein Adressbuch durchsuchen lasse, entdecke ich effektiv immer mehr Personen, die ein Twitter-Profil führen. Ich followe gern, doch selten lese ich etwas von ihnen. Sie gehören zur Kategorie eins der Twitterer: Sie folgen ein paar Profilen und lesen nur (wenn überhaupt). Einige Politiker gehören immerhin zur Kategorie zwei: Sie folgen nicht nur, sondern verschicken auch dann und wann Tweets, wobei es sich meist um Hinweise auf neue Beiträge auf ihren Homepages handelt. Nur sehr wenige Twitterer gehören zur Kategorie drei, die nicht nur Tweets senden, sondern damit auch interagieren. Sie und nur sie stellen sowas wie eine neue Öffentlichkeit her; aus der Blogosphäre, über die Euphoriker ab 2004 redeten, wurde allmählich eine Twittosphäre. Kein Zweifel spielt sie gerade in Zusammenhang mit Konflikten in Regionen ohne grosse Medienvielfalt eine wichtige Rolle.

Doch bei uns, in der reichen Schweiz? Immer mehr Leute nennen ein Smartphone ihr Eigen, und da Twitter beispielsweise im iPhone schon fast im Betriebssystem sitzt, wird die Zwitscherei zweifellos zunehmen, oder zumindest der passive Konsum von Twitter. Doch dies allein erzeugt noch keine lebendige Blogosphäre. Philippe Wampfler stellte gestern die Frage, woran es liege, dass aus den hiesigen Bloggern “nichts” werde. Es stimmt: Anders als in anderen Ländern gibt es hierzulande praktisch kein Blog, der berühmt wurde, der zu einer vielbeachteten medialen Plattform geworden wäre. Es gibt auch so gut wie keine Personen, die über ihre Bloggertätigkeit bekannt wurden. Es gibt zwar etwa Manuela Hofstätter, eine Buchhändlerin, die durch ihre Twittermessages und ihren Blog zu Einladungen in Bibliotheken kommt. Und sicher viele Leute, die über andere Spezialgebiete bloggen und twittern. Doch bekannt ist anders. Woran liegt das?

1. Die Schweiz ist schlicht relativ klein. Daher beschränkt sich die Ausstrahlungskraft helvetischer Blogs auf eine kleine Sphäre. Zwar könnte die Öffentlichkeit potentiell sehr gross sein (hohe Smartphone-Dichte), doch sind die Kanäle vielen noch nicht bekannt.
2. Vom Bloggen lässt sich (noch?) nicht leben. Das hängt mit der Problematik zusammen, dass es noch immer keine Vergütungsmodelle gibt, die wirklich funktionieren. Das Wehklagen über die Gratismentalität bringt nichts. Es geht nicht an, die Konsumenten zu kritisieren; sie erlebten, dass praktisch alle Inhalte im Internet immer gratis waren, warum sollte man plötzlich bezahlen müssen (viel Geld fliesst nur an die Provider und Telekomfirmen).
3. In der Schweiz haben es Innovationen schwer. «Warum muss das jetzt sein?» – «Was soll das?» – «Wozu soll das gut sein?» – «Wieso diese SMS an alle?» lauten häufige Fragen zu Twitter. So liegt ein grosses Potential für mehr Meinungsvielfalt noch weitgehend brach. Viele ärgern sich über ihre Tageszeitung, doch in der sehr reichhaltigen Internetwelt ihre Informationen zusammen zu suchen, wagen sich erst wenige. Es ist eben etwas aufwändiger und die Bewertung der Angebote erfordert Medienkompetenz. Entsprechend verlieren die grossen Leitmedien zwar laufend an Auflage, doch geniessen sie weiterhin hohe Glaubwürdigkeit, was die Seriosität ihrer Meldungen und Kommentare betrifft. Derweil streichen Internetmagazine die Segel.

Wie können Autoren und Künstler im digitalen Zeitalter von ihrer kreativen Arbeit leben? Solange es keine Möglichkeiten gibt, vom Verfassen von Blogs, dem Kommentieren des täglichen Geschehens oder von innovativen Reportagen zu leben, müssen die allermeisten Blogger und Twitterer einem anderen Hauptberuf nachgehen. Sie sind vielleicht Lehrer, Buchhändlerinnen, Autoren, Filmemacher, Anwalt, Kleinunternehmer oder Angestellte. Einige sind Politiker, die den Kanal gern zur Information ihrer potentiellen Wähler nutzen. Genau wie die Politiker in der kleinen Schweiz offiziell Milizparlamentarier bleiben müssen, weil dies so gewollt ist, auch wenn es der Realität kaum noch entspricht, werden vorderhand die meisten Sozialmedienaficionados eben Milizblogger und Miliztwitterer bleiben. So geht das.

Verwandte Beiträge:

Mitten im Orkan

Ich wage mal den Versuch, die Nachrichten zusammenzufassen, die uns seit Herbst 2008 und nochmals verstärkt seit letztem Sommer dauernd erreichen: Bankenkrise, Finanzkrise, Rettungspaket, Staatsverschuldung, Bankrott, Ansteckungsgefahr, Stabilisierungsfonds, Krisengipfel, Währungskrieg etc. Was ist nur los mit dieser Geldmaschine, dass sie derart ausser Kontrolle geraten konnte? Viele haben mitgezockt und schön profitiert, bevor das System zusammenkrachte und das dürfen nun alle ausbaden. Die Politiker machen dabei keine gute Figur; Angela Merkel und Nicolas Sarkozy erscheinen nicht als die grossen Staatenlenker, die dem lecken Supertanker EU mit entschlossenen Schritten den Weg aus der Krise weisen. Mit den bisherigen Reförmchen wurde wenig erreicht und das Problem wohl eher verschlimmert, vor dem sie heute stehen. In den Worten der 68er, an die manche sich angesichts der Oppucy-Bewegung schon erinnert fühlen, sind sie wohl ein Teil des Problems… Und die Griechen? Wenn Giorgos Papandreos das Volk um Zustimmung zu einem einschneidenden Sparpaket fragen will, sehen alle sogleich rot; die sog. Finanzmärkte drehen noch schneller durch. Man bezeichnet die Griechen gelegentlich als die “Erfinder der Demokratie” (jaja, das waren eben nicht die alten Eidgenossen ;-)). Doch offenbar glauben die Europapolitiker nicht, dass ihre Stimmbürger über komplexe Probleme rational befinden können. Aber erweist man dem Projekt Europa nicht einen Bärendienst damit? Eigentlich müsste die europäische Zusammenarbeit jederzeit und überall mehrheitsfähig sein, sonst stimmt doch etwas nicht. Aber als Schweizer darf ich dazu ja wohl nicht viel sagen. Wir haben verschiedentlich entschieden, dass die Schweiz in Europa nicht mitentscheiden soll. So warten wir ab.

Noch geht es uns relativ gut in der Mitte des Orkans, der um uns tost. Griechenland bankrott? Italien als nächstes, oder Spanien, Portugal. Vielen ist’s egal. Man tut so, als wäre man völlig unabhängig und regt sich nur etwas auf, wenn nicht nur die reichsten Bewohner anderer Länder zu uns kommen (und z.T. das abgezockte Geld an den Steuern vorbei auf unseren Banken bunkern wollen, das ihren bankrotten Ländern dann fehlt), sondern auch solche, die hier ihr Geld redlich verdienen wollen. Das Lebensgefühl der Schweiz 2011 drückte Kutti MC in einem Interview gestern so aus: «Ich weiss einfach, dass wir uns hier in der Schweiz auf einer der letzten Inseln befinden. Wie unter einer Käseglocke, die unser ganzes System noch perfekt konserviert. Manchmal denke ich, die Schweiz ist ein Museum inmitten des Weltuntergangs.» Das letzte Wort ist vielleicht etwas gewagt, ausser man interpretiert den 2012 endenden Maya-Kalenders als Prophezeiung. Dass momentan gerade irgendetwas zu Ende geht, ist aber offensichtlich. Dazu meinte Stephan Eicher: «Das System bricht nicht gleich zusammen. Aber der Anfang vom Ende ist da.»

Aus jedem Ende kann wieder etwas Neues entstehen. Wie wird die Welt in ein paar Jahren aussehen? Anders, das steht fest. Doch das ist nichts Neues. Rückblickend war es extrem naiv, dass die Menschen in den reichen Industrieländern allzu lange glaubten, es würde ihnen auch in den nächsten Jahrzehnten immer nur gut gehen. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht. Genauso wenig wie auf zwei Sitze im Bundesrat, liebe SVP und liebe FDP. Das Museum inmitten des Weltuntergangs funktioniert jedenfalls noch leidlich gut, wenn das zur Zeit das wichtigste Problem hierzulande ist. Viele Griechen, Spanier und Isländer beneiden uns bestimmt. Aber sie haben ganz andere Sorgen.

Verwandte Beiträge:

Tatort Politik

Am Sonntagabend lief der erste in Luzern gedrehte Tatort über die Schweizer Fernsehschirme. Einiges gab es zu lesen im Vorfeld wegen der Verschiebung und dem Nachdreh einer Szene. Ich war gespannt auf den Film und sah ihn mir auch an. Heute stimme ich nicht in den Chor jener ein, die den Schweizer Tatort einfach zerreissen. Verglichen mit anderen Tatort-Produktionen – und ich habe nicht wenige geschaut in den letzten Jahren – ist er weder besonders schlecht noch ausnehmend brillant. Sauberes Mittelmass, irgendwie ganz passend zur Schweiz. Toll war es, die Kulissen zu betrachten und sich zu fragen, wo das ist oder sein könnte. Einige Orte kamen einem vertraut vor oder man erhaschte ein Detail, das auf den Drehzeitpunkt verweist (Schnee am Pilatus, Unigebäude im Bau). Das “Luzerner Team” gewann noch nicht recht Kontur, aber das kann noch werden, da ja im nächsten Film erst die zweite Hauptfigur eingeführt werden soll. Auffällig war, dass alle sich duzten in dieser fiktiven Luzerner Polizei. Das könnte passen, im Unterschied zu Deutschland hält man es hier tatsächlich lieber persönlich.

Ein guter Tatort ist nicht bloss ein Krimi, der 90 Minuten unterhält. Gute Filme der Serie haben immer wieder gesellschaftliche Themen auf hintergründige Weise behandelt und manchmal auch Tabu- oder sonst wenig diskutierte Themen einem sehr grossen Publikum nahe gebracht. Vielleicht ist das generell die grosse Kunst eines Krimis: Über die Spannung hinaus auch Zeitdiagnose oder Gesellschaftskritik zu transportieren. Das gelingt beispielsweise den grossen nordischen Meistern der Kriminalromane immer wieder hervorragend. Gemessen an (zu) hohen Erwartungen war die Story des ersten Luzerner Tatorts eher enttäuschend. Ein Politiker wurde entführt – oder liess sich entführen, was ging schief und warum? Für einen echten “Politkrimi” fehlte allerdings eine wichtige Zutat: politischer Inhalt. Im Vorfeld konnte man lesen, dass offenbar eine Szene neu gedreht wurde, die einen unsympathischen Alten zu nahe in die Nähe der SVP rückte. Nun blieb er zwar drin, doch mit dem harmlosen Thema Gemeindefusionen war man meilenweit weg von den wirklich kontrovers diskutierten grossen Fragen der Schweizer Politik, die durchaus auch in Deutschland immer wieder für Aufsehen sorgten: Minarettverbot, generell unsere Ausländerpolitik und die vielen grossen Plakate, die man aktuell ja auch wieder sieht. Mehr Mut des Schweizer Fernsehens hätte nicht geschadet. Wenn schon Politik im Tatort vorkommt, dann bitte richtig oder mindestens etwas konkreter, was heute in der Schweiz politisch läuft.

Apropos Deutschland: Die Synchronfassung soll ja arg verunglückt sein. Ich finde, wir sollten “die Schweizer” in Deutschland nicht blöder darstellen als wird sind, nicht schlechter hochdeutsch reden als effektiv viele können. Eigentlich seltsam, fand ich hingegen, dass kein einziger Deutscher vorkam in der Schweizer Version! Denn das ist doch auch eine aktuelle Entwicklung in der Schweiz, die man aufgreifen dürfte, dass es seit der Personenfreizügigkeit mehr Deutsche hier gibt, über die sich nicht immer alle freuen. Statt dessen importierte man eine CSI-Heldin aus den USA, die perfekt Schweizerdeutsch sprach, obwohl sie (in der Fiktion) im Alter von 7 Jahren umzog. Nicht wirklich ganz überzeugend. Was nun die übertriebenen Träume betrifft, Luzern würde durch den Tatort auf einen Schlag zur Schweizer Filmstadt aufsteigen, kann ich nur müde lächeln. Zwei Sexszenen mit einer amerikanischen Schauspielerin machen eben noch kein Hollywood. Das bleibt Wunschdenken!

Verwandte Beiträge: