Kategorie-Archiv: Konsum

Kolumnitis

Es gibt ein ehernes Gesetz des modernen Journalismus: Alle Kolumnen streben nach dem Buch. Kaum konnte eine Schreiberin oder ein Schreiberling ein paar mal seine Weisheiten oder Beobachtungen auf wenigen Zeilen in die Welt posaunen, folgt flugs das Buch dazu. Und ein anderes Gesetz: Die meisten Kolumnisten sehen sich als grossen Star. Vielleicht gilt es auch für @KatjaWalder, die gern im Abendblatt ihre Pendlerbeobachtungen zum Besten gibt und im realen Leben als Radiojournalistin arbeitet. Obwohl das Pseudonym pünktlich zur Vernissage ihres Buchs gelüftet wurde, gibt es weiterhin Walder-Kolumnen. Und was konnte man da letzthin lesen? Über eine Frau, die vollbepackt zum Tram stürmt etc., um – man ahnt es früh – rechtzeitig nach Luzern zu fahren, wo sie sich in eine Glasbox sperren lässt. Wusste ich es doch, alle Kolumnen sind letztlich Eitelkeit. Und schon prangert das gleiche Brillengesicht auf dem Titelblatt des Migros-Magazin. Die Schweiz, ein Land der Cervelatpromis.

Apropos Glasbox: Das grosse Medienunternehmen SRG SSR idée suisse gibt mit “DRS” eine bestens eingeführte Marke freiwillig auf. Doch wenn “Deutsch- und rätoromanische Schweiz” oder was das mal hiess, geht, verschwinden dann auch (endlich) das Gutenachtgschichtli und andere Sendungen auf Rumantsch Grischun? Bei aller Freude an der Sprachenvielfalt, das ist eine Alibiübung, weil nun mal kaum ein Deutschschweizer diesen Alpendialekt versteht. Seit die Bündner ganz allein ein weiteres TV-Radio haben, gibt es keine Rechtfertigung mehr dafür. Sei’s drum, seit Sonntag sendet also nur noch SRF. Verwirrend ist, dass es beim Fernsehen ein SRF 1 und SRF 2 gibt und beim Radio dasselbe nochmals. Als ich aufwuchs, hiessen zwar das staatliche Farbfernsehen und die werbefreien Radiosender auch schon gleich, doch es gab nur ein DRS; gut zu unterscheiden von den Radios, da nur diese nummeriert waren. Beim neuen Wirrwarr mit SRF 1, SRF 2, Radio SRF 1, SRF 2 Kultur, SRF 3, SRF 4 news und SRF info ist es absehbar, dass recht bald die nächste Korrektur folgen wird. Da haben Giacobbo/Müller völlig Recht.

Und zuletzt noch dies: Was tut man, wenn ein Kalender endet? Genau, den neuen aufhängen. In diesem Sinne konnte mir auch noch niemand erklären, warum das Ende eines Kalenders der Maya dem Weltuntergang entsprechen soll. Und sowieso bei allem Medienhype sollte man das kritische Denken dennoch nie ausschalten: Hat ihn eigentlich irgendwer von all denen, die darüber schreiben, schon mal gesehen, diesen famösen Kalender? Wie sieht er aus, wie ist er erhalten, wie ist er zu deuten? Die Historiker nennen das Quellenkritik. Etwas mehr davon wäre vielen Gratisjournalisten und Kolumnisten in aller Welt dringend zu empfehlen. Alles Gute zum neuen Maya-Kalenderjahr!

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Fleischsorgen

In der Westschweiz is(s)t man wieder mal einen kleinen Schritt weiter. Die Frage des Fleischkonsums wurde mit Vorstössen in die Parlamente von Lausanne und Morges eingebracht. Konkret fordern die Wortführerinnen, zwei grüne Abgeordnete, dass an den Schulkantinen an mindestens einem Tag pro Woche nur Gerichte ohne Fleisch, Fisch und Geflügel auf dem Menüplan stehen. Sofort hiess es von der Gegenseite, dies sei eine sozialistische Einschränkung der Wahlfreiheit etc. Aber ich denke, dass man den Schulkantinen durchaus diesen Auftrag erteilen kann. Es gibt ja viele gute Vegi-Gerichte, und warum sollten Kinder nicht auf den Geschmack kommen dürfen?

Un Jour Végétarien par Semaine ist eine Initiative, die auf dem Fakt basiert, dass (zu) hoher Fleischkonsum in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Einerseits schadet zu hoher Fleischkonsum gesundheitlich, wie viele Studien zeigen. Andererseits verschärft hoher Fleischkonsum (wie auch die Unsitte von Biotreibstoffen) die Knappheit der weltweiten Nahrungsmittel. Es gibt eine Reihe von pflanzlichen Eiweissen, die Fleisch, Fisch oder Geflügel problemlos ersetzen können. Natürlich darf man sich die Frage stellen, ob denn Soja aus Brasilien besser sei als Rindfleisch aus der Schweiz. Nur, womit werden denn unsere Rindvieher gefüttert? Von der Autarkie (Selbstversorgung) im Ernährungsbereich ist die Schweiz zur Zeit so oder so meilenweit entfernt. Mehr pflanzliche und weniger tierische Ernährung verbraucht netto aber einiges weniger an natürlichen Ressourcen.

Klar ist: Steigender Fleisch-, Fisch- und Geflügelkonsum für eine weiterhin zunehmende Weltbevölkerung verschärft die Problematik der steigenden Nahrungsmittelpreise, die Überfischung der Meere und nicht zuletzt den Klimawandel. Interessant ist, dass hoher Fleischkonsum noch immer als Kennzeichen von Wohlstand gilt. So steigt aktuell in China mit der zunehmenden Entwicklung auch der Fleischkonsum an. In den Industrieländern stieg der Pro-Kopf-Konsum zwischen 1960 und 2000 von 57 kg auf 91 kg an. Es ist an der Zeit, mit dem Trend zu brechen. Weniger ist in diesem Fall eindeutig mehr: Weniger Fleischkonsum – weniger Folgeprobleme – höhere Lebenserwartung. Letzteres zeigt das Beispiel Japans, wo der Fleischkonsum relativ tief ist. Dafür isst man dort gern fettreiche Fische, die als sehr gesund gelten. Der aktuelle Sushi-Trend gefährdet den Blauflossenthunfisch akut. Wichtig sind demnach auch hohe Standards der nachhaltigen Bewirtschaft von Fischbeständen, damit nicht tieferer Fleischkonsum am Ende einfach mit der Leerfischung der Meere kompensiert wird. E Guete.

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The end of capitalism as you know it

Bei meiner Arbeit habe ich ziemlich viel mit Geisteswissenschaftlern zu tun, seltener auch mit Juristen oder Theologen. Kaum je aber mit Naturwissenschaftlern, was sehr schade ist. Denn es ist äusserst spannend und fruchtbar, Probleme interdisziplinär anzugehen, die verschiedenen Sichtweisen zusammen zu führen. Über Umweltschutz habe ich zum Beispiel schon viel nachgedacht und diskutiert. Dabei geht es oft darum, was man tun kann. Die üblichen zwei Antworten sind in der Regel: Steuerung, Gebote, Verbote, Verpflichtung (klassische Politik) oder dann Lenkungsmassnahmen (die neo- oder grünliberale Variante). Manchmal heisst es auch ziemlich pauschal, aber wohl nicht ganz falsch, dass das gegenwärtige Wirtschaftsmodell und Umweltschutz schlecht verträglich sind.

Die Diskussion mit einem Naturwissenschaftler heute nachmittag zeigte mir weitere Ideen auf, die durchaus schon erprobt sind. Unsere Ökonomie basiert ja auf Verschleiss und dauernder Neuproduktion, ist eigentlich also in vielen Bereichen eine Wegwerfproduktion. Aber man kann den Konsumenten ziemlich wenig Vorwürfe machen, wenn sie die Dinge ersetzen statt sie zu reparieren, wenn die Stückkosten sinken, während die Lohnkosten unablässig steigen. Allerdings ist das ein völlig unverantwortlicher Umgang mit Material und damit den Ressourcen dieses Planeten, die nicht unendlich vorhanden sind. In den Umwelt- und Naturwissenschaften operiert man zunehmend mit neuen Kenngrössen, um Ökologie resp. Nachhaltigkeit zu messen: Stichwort Materialeffizienz. Es ist eine neue Ökonomie anzustreben, die den Wert der Ressourcen ganz einbezieht. Das vielgehörte Bonmot, man müsse “dem Umweltschutz einen Preis geben”, ist noch nicht zu Ende gedacht. Es genügt nicht, wenn z.B. die Verschmutzung der Umwelt ein bisschen was kostet und damit sogar noch ein neues Geschäftsfeld für Finanzspekulanten entstehen soll (Emissionszertifikate).

Nachzudenken ist über radikal neue Wege der Ökonomie und der Geschäftsmodelle selbst. Weg vom alten System, das zu unablässiger Überproduktion und Billigkonsum führt, hin zu einem neuen System, das die Langlebigkeit der Güter anstrebt. Wie das? Z.B. durch Miete statt Kauf, statt Computer zu kaufen, könnte man auch Rechenleistung mieten. Oder statt ein Velo zu kaufen, abonniere ich vielleicht in Zukunft Mobilität im abstrakten Sinn. Nein, das ist keine Utopie. Es geschieht bereits, nur hört man noch zu wenig davon. Ein Beispiel: Der französische Konzern Michelin liefert der US-Armee nicht die Reifen, sondern stellt ihr nur deren Nutzen zur Verfügung. Die Reifen gehören weiterhin Michelin, das Pentagon nutzt sie bloss. Logisch, dass da Michelin kein Interesse daran hat, massenhaft Reifen zu produzieren und zu verkaufen, sondern möglichst gute und langlebige Reifen zur Verfügung stellen will. Wahrscheinlich entsteht gerade etwas fundamental Neues. Ob man das Kind dann einmal Kapitalismus 2.0/3.0, Postkapitalismus oder sonst irgendwie bezeichnet, ist noch unklar. Hauptsache, es kommt rechtzeitig zum Funktionieren. Die gegenwärtige Verschleissökonomie kann angesichts schrumpfender Ressourcen (Peak Oil etc.) sowieso nicht auf Dauer aufrecht erhalten werden, mit zunehmender Weltbevölkerung und aufstrebenden Schwellenländern erst recht nicht. Das globale Wirtschaftssystem wird sich wohl noch stark verändern. Die Zukunft hat bereits begonnen.

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Sie haben gewonnen!

Die DVA Delta Vital AG lädt mich zu einer Gewinnfahrt ein, denn ich habe den dritten Preis in einem Kreuzworträtsel gewonnen. Juhui! Hmm… ich löse gelegentlich solche Rätsel, schicke aber die Antworten selten ein. Auf der “offiziellen Gewinnbenachrichtigung” steht aber deutsch und deutlich: “Herzlichen Glückwunsch, Herr Fischer, Sie haben tatsächlich gewonnen. Die Auszahlung in Höhe von 2.000 CHF erfolgt am Mittwoch, 15. Dezember 2010 auf unserer wunderschönen Ausflugsfahrt.” Nun müsste ich an besagtem Tag bloss um 7:50 Uhr bei der Bushaltestelle bereit stehen und mich abholen lassen, alles sei kostenlos. Wohin die Reise geht? “Wir fahren mit Ihnen zu einer traditionsreichen Schweizer Schokoladenfabrik. Kaufen Sie im Fabrikladen die feinsten Leckereien zu Vorzugspreisen! Jetzt so günstig wie noch nie! Ein unvergessliches Erlebnis!”

Eine kurze Recherche im Internet bringt die erwartete Ernüchterung: Hinter Delta Vital stehen Rattenfänger der übelsten Sorte und viele haben mit diesen schon ein wahrhaft “unvergessliches Erlebnis” gehabt: Mit dem Versprechen angeblicher Gewinne werden Leute angelockt, die dann auf den Kaffeefahrten teure Produkte aufgeschwatzt bekommen und am Ende natürlich auch keinen Bargeld-Preis erhalten. Wer die Waren hingegen nicht bezahle, werde sofort unsanft aus dem Bus gewiesen. – Selber schuld, wer darauf hereinfällt? Klar, ein gewisses Mass an Vorsicht ist geboten, keine Firma kann auf Dauer mit Geschenken wirtschaften. Aber was hier vorliegt, ist eindeutig eine Irreführung der Konsumenten. Auf dem Papier steht zweifelsfrei, dass man gewonnen habe. Nirgends ein Hacken, kein Kleingedrucktes. Doch die juristische Einklagung des Preises hat noch nie funktioniert, ebensowenig wie die Rückgabe von aufgeschwatzten Produkten. Flugs lassen die Betrüger ihre Firma Konkurs gehen und gründen in einem anderen Kanton eine neue Gesellschaft mit anderem Namen. Es ist an der Zeit, solchen Machenschaften endlich Einhalt zu gebieten. Simonetta Sommaruga müsste die Problematik von ihrer früheren Arbeit beim Konsumentenschutz gut kennen. Als Justizministerin könnte sie sich nun dafür einsetzen, dass die Gesetze zum Schutz vor unlauterem Wettbewerb endlich Zähne bekommen. Denn solche Betrugsfahrten gehörten – ebenso wie die vielen Abzock-Geldspiele und die Astro”beratung” im abendlichen Privatfernsehen – endlich verboten und die Betrüger bestraft.

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Das obligatorische Auto

In Luzern läuft wieder die Aktion “Luzern – das freundlichste Geschäft”. Gesucht ist das freundlichste Geschäft, Wahlvolk sind die Konsumentinnen und Konsumenten. So weit, so gut. Es ist fürs Geschäft sicher nicht schlecht, wenn man sich bemüht, freundlich zu sein. Fürs Gemüt übrigens auch nicht.

Wie so oft wird die Sache mit ein paar Preisen verbunden, damit sich die Leute auch fleissig beteiligen, wie man es von ihnen wünscht. Und was ist der Hauptpreis? Einmal mehr ein Auto. Wie könnte es auch anders sein? Noch immer ist das offenbar das Symbol No. 1 für die Konsumreligion und so ist es kein Zufall, dass es als Hauptpreis vieler Wettbewerbe angepriesen wird. Der Anzeiger Luzern, Medienpartner der Aktion, zeigt gleich auf der ersten Seite seiner Ausgabe vom letzten Freitag das Gewinnobjekt, das nun angeblich so viel beachtet würde. Kein Wunder: Am Bahnhof würde man Züge erwarten und nicht ein Auto. Muss dieser mit Werbung und Anzeigen vollgeklebte weisse Peugeot 107 nun einen Monat lang ausgerechnet im Luzerner Bahnhof herumstehen?

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