Ecopop ist menschenfeindlich

An der DV in Rotkreuz haben die Delegierten der Grünen die Nein-Parole zur Ecopop-Initiative beschlossen. In der Diskussion brachte Andreas Thommen vom Initiativkomitee die bekannten Argumente vor, wonach sich die Menschen nicht änderten und der ökologische Fussabdruck demzufolge nicht stark reduziert werden könne. Daher müsse man bei der Bevölkerungszahl ansetzen, um die Zubetonierung des Kulturlands zu bremsen. Dem entgegneten Balthasar Glättli und andere RednerInnen, dass eine restriktive Zuwanderungspolitik nur aussenpolitische Probleme verursacht, aber der Umwelt nichts bringt. Im Gegenteil: Wenn unsere Wirtschaft mehr Arbeitskräfte nachfragt als in der Schweiz leben, dann pendeln einfach mehr Grenzgänger (meist im Auto) zur Arbeit. Ein viel besserer Ansatz als Ecopop ist eine faire Steuerpolitik. Wir müssen aufhören, mit Tiefsttarifen Headquarter und zweifelhafte Rohstoffhändler anzulocken.

In der fortgeschrittenen Debatte ergriff ich das Wort zum zweiten Teil der Ecopop-Initiative. Sie fordert auch, die Entwicklungszusammenarbeit müsse die Familienplanung stärker fördern. Diese Bevölkerungspolitik ist nach Auffassung aller Organisationen, die sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren, ein überholter Ansatz. Inzwischen ist die Geburtenrate pro Frau bereits stark gesunken. Die Weltbevölkerung steigt zur Zeit noch an, weil die Menschen aufgrund des medizinischen Fortschritts in den meisten Ländern immer älter werden. Doch das Ende des Wachstums ist absehbar (nur der Kurvenverlauf umstritten), das Schreckgespenst der “Bevölkerungsexplosion” aus den 1960er-Jahren entkräftet. Heute weiss man: Bildung und soziale Reformen tragen am meisten dazu bei, dass auch die Menschen in ärmeren Ländern gut leben können. Das Sinken der Geburtenrate ist dabei ein Nebenprodukt.

Tagesschau-Beitrag vom 23. August über die Grünen-DV mit einem Teil meines Statements:
Ich befürworte die Entwicklungszusammenarbeit und habe auch nichts gegen Familienplanung oder Verhütungsmittel. Aber ich finde es komplett falsch, wenn die reiche Schweiz anderen Ländern vorschreiben will, sie müssten weniger Kinder auf die Welt stellen. Ich wehre mich gegen die implizit damit verbundene Aussage: ‘Es wäre besser für die Umwelt, wenn es diese Menschen (in ärmeren Weltgegenden) gar nicht gäbe.’ Das ist für mich nicht grüne Politik, sondern erscheint mir als menschenverachtend. Die Grünen waren immer auch eine Partei, die die Menschenrechte hochhält. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört das Recht auf Familienplanung ebenso wie jenes auf Fortpflanzung. Kein fremder Staat hat sich da einzumischen. Die Entwicklungszusammenarbeit engagiert sich aber zu Recht dafür, dass Knaben und Mädchen einen besseren Zugang zu Bildung erhalten. Denn Bildung ist der Schlüssel zu Arbeitsplätzen, Innovationen, politischen Reformen und letztlich mehr Zufriedenheit.

Helvetas-MagazinSehr empfehlenswert: Das aktuelle Magazin Partnerschaft von Helvetas (Nr. 217 vom August 2014) thematisiert in mehreren Artikeln die Ecopop-Initiative.

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4 Gedanken zu „Ecopop ist menschenfeindlich

    1. Raffael Artikelautor

      Danke für den Hinweis. Natürlich gibt es immer Argumente für beide Sichtweisen. Trotzdem bleibe ich bei meiner Meinung, mit der ich bei den Grünen (zum Glück) nicht allein bin: Für «ökologisch denkende Menschen» bringt Ecopop nichts. Um Umweltprobleme wie Rohstoffhunger, Konsumwahn und eine Wegwerfwirtschaft wirklich zu lösen, braucht es eine gute Umweltpolitik und nicht eine noch restriktivere Migrationspolitik. Es ist ein Trugschluss zu meinen, ein paar Menschen weniger, die in die Schweiz zuwandern oder ein paar Kondome mehr in der Dritten Welt, würden einen signifikanten Einfluss auf die Umwelt haben.

      Man wird den Verdacht nicht los, dass Ecopop in seiner Argumentation alles vermeidet, was den Abstimmenden unangenehm sein könnte: Nichts zum heutigen Konsum, nichts zum zu billigen Fliegen, nichts zur Energiefragen und trotz Wehklagen über die Betonierung kein Wort zum Thema Raumplanung. Es sind auch nicht die Schweizer, die nach Ecopop weniger Kinder haben sollen. Das delegiert man ganz an die afrikanischen und asiatischen Frauen. Der reiche Schweizer, der durch seinen (Über-) Konsum in der ganzen Welt mittelbar Umweltschäden bewirkt, ruft implizit also den Armen dieser Welt zu: «Bitte vermehrt euch nicht, ihr verursacht Umweltprobleme!» Da macht mancher es sich schon viel zu einfach. Ecopop ist eine gefährliche Scheinlösung. Die Initiative verdient nur ein klares Nein.

  1. Karl Gross

    Danke für die Antwort. Ja, es ist schon so, dass die Ecopop-Initiative Umweltprobleme wie Rohstoffhunger, Konsum, Energieverbrauch nicht angeht, d.h. was im ökologischen Fussabdruck enthalten ist wird nicht von der Ecopop-Initiative beeinflusst.

    Von den Grünen ist die Initiative für nachhaltige Wirtschaft, dort wird dann der ökologischen Fussabdruck direkt angegangen. Das finde ich ebenfalls gut.

    Letztlich sehe ich es als Produkt: ökologischen Fussabdruck x Anzahl Personen.
    Wenn nun aber bei den Anzahl Personen die Ecopop-Begrenzung 0.2% bachab geht, dann wird es praktisch unmöglich sein, das Stimmvolk bei der Initiative für nachhaltige Wirtschaft für ein Ja zu gewinnen.

    Die Initiative für nachhaltige Wirtschaft hat ohnehin schon nur geringe Chancen angenommen zu werden, nach einem Nein zu Ecopop sehe ich die Chancen für die Initiative für nachhaltige Wirtschaft bei praktisch Null.

    1. Raffael Artikelautor

      Es freut mich, dass Sie die Initiative für eine Grüne Wirtschaft unterstützen, die auf den ökologischen Fussabdruck zielt. Ich stimme zu, dass die ganze Umweltbelastung im Prinzip als das Produkt aus durchschnittlichem Fussabdruck und Anzahl Personen gesehen werden kann. Global gesehen sind es aber nicht die Bewohner/innen der Entwicklungsländer, die durch zu hohen Ressourcen- und Energiekonsum für die Umweltprobleme verantwortlich zeichnen, sondern wir hier in den reichen Ländern. Als moderat wachstumskritischer Grüner strebe ich zwar keine hohen Bevölkerungszahlen an, doch lehne ich Zuwanderungsgrenzen und Geldzuteilungsbestimmungen in der Verfassung ab.

      Den von Ihnen hergestellten Zusammenhang zwischen einer allfälligen Annahme der Ecopop-Initiative und der später folgenden Abstimmung über die Initiative für eine grüne Wirtschaft kann ich nicht nachvollziehen. Aus dem Geschriebenen erschliesst sich mir nicht, warum ein Ja zu Ecopop dem Initiativprojekt der Grünen zu zusätzlicher Unterstützung verhelfen sollte. Können Sie es mir bitte erklären?

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