Archiv für den Monat: Juli 2013

Sag’s schnell…

Der Schweiz geht es ökonomisch gut, verglichen mit dem europäischen Umfeld schon fast unverschämt gut. Sind wir deswegen aber auch glücklich? Sicher gibt es viele, die sich gut einrichten und ein angenehmes Leben führen, was immer sie auch darunter verstehen. In der Ferienzeit braten einige auf einem Badetuch ihren Körper in der Sonne, die Kinder planschen im Meer, andere wandern in den Bergen oder touren quer durch Amerika. Doch nicht alle wissen ihr Leben zu geniessen. Nach wie vor hat die Schweiz eine erschreckend hohe Rate von Selbstmorden. Es sind einerseits jedes Jahr etliche Jugendliche und junge Erwachsene, die ihrem Leben ein frühes Ende setzen. Anderseits gibt es auch immer wieder Fälle von Männern (und seltener Frauen) in den sogenannt besten Jahren, die von einem Tag auf den anderen aus dem Leben scheiden. In beiden Fällen lassen sie Angehörige, Freunde und Bekannte meist völlig ratlos zurück. Kinder wachsen ohne Väter auf, Partner/innen machen sich Vorwürfe, Freunde fragen sich, ob sie es hätten merken müssen und was sie hätten tun können.

Es gibt Fälle, wo ein Suizid einer langen Krankheit vorgezogen wird. Doch das ist eher der Fall bei Älteren, die um Sterbehilfe bitten. Bei den erwähnten beiden Kategorien handelt es sich meistens um kerngesunde Männer und Frauen, zumindest körperlich. Was ihre geistige Gesundheit betrifft, ist es schwieriger zu sagen. Nach einem Suizidversuch finden sich manche Patienten in der Psychiatrie wieder. Lässt ein Suizid(versuch) also auf eine psychische Krankheit schliessen? Ich denke nicht, dass man das pauschal so werten kann. Wenn jemand monatelang heimlich Pläne schmiedet und im Kopf alle möglichen Arten durchgeht, fast besessen ist von der Vorstellung, dann nehmen Suizidgedanken wohl den Charakter einer psychischen Erkrankung an. Doch viel öfter dürften es Kurzschlusshandlungen sein. Die Gründe sind individuell und ähneln sich doch: Stress am Arbeitsplatz, vielleicht noch ein Konflikt in der Partnerschaft, ein paar böse Worte, ein bevorstehender Geburtstag, der einen mehr beunruhigt als freut – verbunden mit dem Gedanken, dass es doch überhaupt alles sinnlos sei. In einem traurigen Moment muss vielleicht nur noch eine Waffe in der Nähe sein oder eine andere Gelegenheit.

Wir täten gut daran, mehr miteinander zu reden. Aber nicht (nur) nach der Devise «Sag’s doch schnell am Telefon». Statt omnipräsentes und oberflächliches Natel-Geplapper führen wir besser ehrliche, tiefgründige Gespräche. Unserer Gesellschaft mangelt es an Verständnis für Schwächen, Unsicherheiten und Gefühle. Wer darüber reden kann, ist kein Feigling, kein Versager, sondern zeigt echte Stärke. Und uns täte mehr Miteinander gut statt alle Gegeneinander, mehr inneren Frieden und Ruhe statt dem äusserlichen Streben nach einem hohen Posten auf der Karriereleiter und viel Geld. Wem es mal nicht gut geht, dem ist zu wünschen, dass er gute Freunde hat, die ihm zuhören und mit ihm nach passenden Lösungen suchen. Denn es gibt sie, erst recht in einem wohlhabenden Land.

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Willisau und die Welt?

In der NZZ am Sonntag war kürzlich von sog. Hipstern zu lesen, die New York den Rücken kehren, um in entfernten Landstädtchen ihre Netzwerke des urbanes Lebens aufzubauen (PDF des Artikels). Auch in der Schweiz zeichneten sich erste solche Tendenzen ab, meinte der Autor des Artikels mit Bezug auf das Glarnerland. Bei mir/uns waren es klassische Gründe, die einen Wohnungswechsel nahe legten: Arbeiten und Wohnen sollten möglichst nahe beeinander sein, um den Pendelverkehr zu minimieren.

Künftig wird dieser Blog also statt in der Stadt Luzern hauptsächlich im schmucken Städtchen Willisau verfasst werden. Dadurch kann sich der Fokus gewiss etwas ändern, wobei ich schon zuvor fast nie über rein-städtische Angelegenheiten geschrieben habe. Und gemessen an nordamerikanischen Distanzen wären wir in Willisau immer noch mehr oder weniger in Luzern (in den entfernteren Suburbs gewissermasssen). Darum ändere ich den Titel des Blogs vorerst, der seit 2010 «Luzern und die Welt» lautete, ab in «Willisau, Luzern und die Welt». Nach wie vor wird es darin um Fragen rund um Geschichte, Politik und Gesellschaft gehen.

Baustellen verfolgen mich, wie ich immer wieder feststellen muss. In Rom war im August 2007 der Weg zur Wohnung meiner Gastfamilie gepflastert von Löchern für eine neue Metrolinie. Als wir den Sommer 2010 in Montpellier verbrachten, riss man dort ganze Strassenzüge auf, um neue Tramlinien zu installieren. Aber nicht nur auf Sprachreisen, sondern auch im Alltag wurde ich fleissig mit Baulärm versorgt: Kaum eingezogen im Luzerner Haldenquartier, begann die Überbauung der riesigen Nachbarparzelle. In Willisau wohne ich nun gegenüber einer Baustelle, die immerhin schon weit vorangeschritten ist. Willisau wird saniert Zugleich werden sämtliche Gassen im Städtchen saniert, damit ab Oktober die neue Begegnungszone noch besser erleb- und erfahrbar ist. Bei Tempo 20 sollen sich Fussgänger, Velo- und Autofahrer die Strasse teilen.

Wenn es nach mir ginge, dürften die drei Luzerner Landstädtchen Willisau, Sursee und Sempach ihr historisches Zentrum zwischen den beiden Toren auch gleich ganz autofrei erklären. Doch da sind die Widerstände offenbar noch zu gross. Von Seiten des Gewerbes fürchtet man Einnahmeausfälle. So ist eine Begegnungszone, wofür sich Willisau entschieden hat, wohl ein guter Kompromiss (und vielleicht der Zwischenschritt hin zu einer echten Flanierzone ohne jeden Autolärm). Ich freue mich jedenfalls auf viele Begegnungen, in diesem Blog, in den sozialen Medien und erst recht draussen im realen Leben. Geniesst den Sommer!

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