Archiv für den Monat: April 2013

Holocaust kindergerecht vermitteln

Ich erinnere mich, dass mir ein Mitschüler in der Primarschule schon etwa mit 10 Jahren “Horrorgeschichten” erzählt hatte über schlimme Verbrechen, die sich nicht weit von hier und noch nicht so lange her ereignet haben sollen. Das bezog sich auf den Holocaust oder die Shoa, wie ich später lernte. Wie erklärt man Kindern eigentlich dieses Menschheitsverbrechen? Am Karfreitag zeigte das ZDF «Der Junge im gestreiften Pyjama» (2008), ein Film nach dem preisgekrönten Roman von John Boyne. Wäre dieses Werk geeignet, um im schulischen Kontext das Thema Holocaust/Shoa zu behandeln?

Hauptprotagonist des Werks ist der 8-jährige Bruno, der mit seiner Familie an einen unbekannten Ort umzieht, wo sein Vater Dienst für das Vaterland leistet. Von seinem Fenster aus beobachtet er, dass alle “Bauern” der Umgebung gestreifte Pyjamas tragen. In freien Stunden erkundet Bruno, der gerne Abenteuergeschichten liest und “Forscher” werden möchte, die Gegend und stösst am Ende eines Wäldchens auf einen grossen Zaun. Zufällig hat sich von der anderen Seite her der ebenfalls 8-jährige Schmuel in eine Ecke geflüchtet. Bruno lernt ihn kennen und besucht ihn von da an täglich, wenn er sich von zu Hause fortschleichen kann. Schmuel erzählt ihm, dass der Zaun nicht als Schutz vor den Tieren da ist und die “Bauern” Juden sind, die nicht freiwillig im Lager leben. Vom Hauslehrer erfährt Bruno anderseits, dass die Juden das Unglück Deutschlands seien und heimlich schaut er der Uraufführung eines Propagandafilms zu, in dem das Lagerleben in völlig euphemistischer Weise als eine Art nette Ferienkolonie dargestellt wird. Hin und her gerissen zwischen der Sympathie für den gleichaltrigen Schmuel und der Loyalität zu den Seinen beginnt Bruno an der Arbeit des Vaters zu zweifeln. Seine Mutter wird im Film als herzensgute, aber etwas naive Hausfrau dargestellt, die erst spät der Wahrheit über das Lager und die Mitverantwortung ihres Mannes ins Auge sieht. Sie scheint das Verbrechen abzulehnen und setzt immerhin durch, dass sie mit den zwei Kindern zu Verwandten umziehen wird. Bruno besucht am letzten Tag nochmals das Lager, kriecht unter den Zaun und schlüpft in einen “gestreiften Pyjama”, um Schmuel bei der Suche nach seinem Vater zu helfen. Dabei werden die beiden Jungen bei strömendem Regen in eine Kammer getrieben…

Die Handlung des Films beschränkt sich auf eine kurze Episode und eine eng begrenzte Zahl von Akteuren. Dass die Geschichte des schlimmsten Völkermords der Geschichte fast ohne historische Erklärungen (von kurzen Episoden der Unterweisung von Bruno und Gretel durch einen Hauslehrer abgesehen) aufgezeigt wird, ist die grosse Stärke des Werks von Boyne und der Verfilmung durch Mark Herman. Sowohl Bruno wie auch Schmuel eignen sich als 8-jährige, unschuldige und noch etwas naive Knaben gut zur Identifikation für gleichaltrige Zuschauer. Beiden ist nicht richtig bewusst, was um sie herum geschieht, denn beiden wird nicht alles erzählt. Doch das Zielpublikum sind offenbar gar nicht 8- bis 10-jährige Kinder. Tatsächlich wird der Film von der deutschen FSK erst ab 12 Jahren freigegeben, was sich durch Szenen der Gewalt und insbesondere das tragische Ende erklärt. Mit etwa 11 oder 12 Jahren beginnen sich viele Kinder für Geschichte zu interessieren und befragen beispielsweise ihre Grosseltern, wie “früher” das Leben war. Obwohl das besprochene Werk sehr gut erzählt ist, wäre eine Handlung mit 12- bis 14-jährigen Jugendlichen vermutlich interessanter für das Zielpublikum. Als Identifikationsfigur eignet sich die 12-jährige Gretel übrigens nicht. Sie vollzieht nach dem Geplänkel mit einem jungen Soldaten und einer einzigen Geschichtsstunde eine abrupte Wende; verbannt alle Puppen in den Keller und hängt sich Naziplakate ins Zimmer. Dass Jugendliche in den 1940er Jahren nicht für Popstars, sondern bisweilen für Soldaten oder Politiker geschwärmt haben, können wir heute kaum noch nachvollziehen. Wie lebten Jugendliche eigentlich damals und speziell in Dikataturen? Dazu braucht es mehr Bücher und Filme, von denen sich einzelne bestimmt noch besser für die schulische Erstbeschäftigung mit dem düsteren Kapitel Holocaust eignen als «Der Junge mit dem gestreiften Pyjama». Von der Grundidee her ist «Napola – Elite für den Führer» (2004) vielversprechend, doch vermittelt dieses Werk über eine NS-Kaderschmiede unterschwellig teilweise eine Verherrlichung des Regimes. Es ist ein schmaler Grat, eine jugendgerechte Sprache für dieses Thema zu finden.

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