Archiv für den Monat: März 2013

Hoffen darf man immer

An diesem Mittwoch änderte sich formal einiges: Das neue Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche stammt erstmals aus Übersee, ist erstmals ein Jesuit und wählte erstmals den bisher unpäpstlichen Namen Franziskus. Der argentinische Erzbischof Jorge Mario Bergoglio stand auf keiner Liste der angeblichen Favoriten, die Vatikanisten zuvor herumboten. Anderseits war nun da und dort zu lesen, dass er 2005 der Gegenkandidat zu Joseph Razinger gewesen sein soll. Das ist nun aber seltsam, dachte ich doch, das Geschehnisse während des Konklaves geheim seien. Wenn man es zuvor nicht wusste, warum weiss man es nun plötzlich? Oder wenn es manche zuvor schon wussten, warum galt Bergoglio dann nicht gleich als einer der möglichen Kandidaten? Wer weiss schon, wer was weiss… Wie Vatikleaks zeigte, gibt es ohnehin einiges zu tun, was die Aktivitäten der Kurie betrifft.

In der Öffentlichkeit bestach der neu gewählte Papst durch seinen warmherzigen Auftritt und die demonstrative Bescheidenheit. Mit dem Jesuiten, der den Gründer Franz von Assisi eines anderen Ordens zum Namensgeber wählte, scheint im Vatikan ein neuer Wind zu wehen. Das ist grundsätzlich sehr erfreulich und bestärkt in der Kirche all die vielen, denen es effektiv um die Menschen geht und nicht um irgendwelche Dogmen. Ob Bergoglio neben einem neuen Stil auch inhaltlich die eine oder andere Veränderung in die Wege leitet, wird sich zeigen. Was andere sexuelle Orientierungen betrifft, ist nicht allzu viel zu erwarten; als in Argentinien ein Eherecht für Homosexuelle eingeführt wurde, sah er darin ein Werk des Teufels. Dem vielfältigen Wirken der Frauen in der Kirche, ohne die sie kaum mehr funktionieren würde, mag er allenfalls zumindest mehr Anerkennung zollen. Die Frauenordination wird jedoch auch unter Franziskus kaum ermöglicht. Vom Zölibat reden wir schon gar nicht.

Den grössten Handlungsbedarf sehe ich persönlich in der Frage der Verhütung und besonders dem Einsatz von Kondomen. Nicht hier – in den westlichen Ländern werden Verhütungsmittel ohnehin eingesetzt, da mögen kirchliche Autoritäten sagen was sie wollen. Doch besondern in den armen Ländern könnte die vermehrte Verwendung von Kondomen viel Leid und Todesfälle durch AIDS verhindern, wenn Neuansteckungen mit dem HIV-Virus vermieden würden. Es ist eine beliebte Streitfrage, wie viel eine einzelne Person in der Geschichte bewirken kann. In der katholischen Kirche, die in den Orden relativ demokratisch, als gesamte Institution jedoch monarchisch verfasst ist, kann der Oberste ziemlich viel tun. Und in den christlichen Gesellschaften Lateinamerikas und Afrikas hat das Wort des Papstes viel Gewicht. Mit einer realistischeren und positiveren Haltung zur menschlichen Sexualität, die fast notwendig zur Erlaubnis von Kondomen zur Krankheitsprävention führen müsste, würde Franziskus meines Erachtens sehr vielen helfen. Bis zum Beweis des Gegenteils darf man hoffen, dass der vormalige «Erzbischof der Armen» effektiv daran interessiert ist. Dass er auch schon AIDS-Kranken die Füsse gewaschen hat, ist ein gutes Vorzeichen.

Verwandte Beiträge:

  • Keine verwandten Beiträge

Neue Instrumente schaffen

Nach Franz Weber im vergangenen Frühling ist es diesmal an Thomas Minder, eine unter seinem Namen beworbene, unterstützte oder bekämpfte Initiative erfolgreich ins Ziel gebracht zu haben. Erstaunlicherweise gelangen beide Siege mehr oder weniger gegen das gesamte politische und wirtschaftliche «Establishment», wie das der Schaffhauser Minder so schön ausdrückt. Webers Initiative und mit ihr die zunehmende Sorge um die Landschaft wurde seinerzeit unterschätzt, Minders Initiative hingegen nicht. Doch auch 8 Millionen Franken reichten nicht, um fünf Jahre Verschleppung im Parlament und das inzwischen recht negative Image des Dachverbands economiesuisse als Lobbyist der Superreichen und Grossfirmen vergessen zu machen.

In letzter Zeit waren immer mehr Initiativen erfolgreich. Während der sehr kurze Familienartikel, der eigentlich eine Selbstverständlichkeit aussagt, an einer seltsamen Gegenkampagne und am fragwürdiger werdenden Ständemehr scheiterte, schafften die neuen Initiativen diese Hürde locker. Bei den Themen Gentechnik, Islam, Ausschaffung, Sexualtaten, Zweitwohnungen und Abzocker war die zur Abstimmung gelangte Volksinitiative offenbar für eine knappe oder deutliche Mehrheit der jeweils Abstimmenden so überzeugend, dass alle Bedenken der Gegner beiseite gewischt wurden. Was immer man von den Inhalten hielt, bleibt es ein Fakt, dass manche Bestimmungen, die mit erfolgreichen Initiativen zwischen 2004 und 2013 in der Schweizer Bundesverfassung festgeschrieben wurden, schlicht nicht umsetzbar sind. Und die Idee, nach einer erfolgreichen Initiative eine «Durchsetzungs-Initiative» nachzureichen, ist wohl kaum der Weisheit letzter Schluss.

Um eine fundierte Debatte über die Grenzen der direkten Demokratie und die Verpflichtungen durch das Völkerrecht kommt die Schweiz in nächster Zeit kaum herum, auch wenn sich fast alle Parteien davor zu drücken scheinen. Ob das Volk immer recht hat und/oder wo die Grenzen der direkten Demokratie liegen, ist dabei nur eine Frage. Streiten liessen sich auch trefflich über Anpassungen des Ständemehrs an die heutige Situation und über die plebiszitären Elemente im politischen System der Schweiz. Als ordnungsliebender Mensch sähe ich selbst es lieber, wenn es ein anderes starkes Volksinstrument gäbe, um Gesetze oder Massnahmen verbindlich zu verlangen – ohne immer den Weg über die Verfassung beschreiten zu müssen. Dazu erhoffe ich mir von Politikwissenschaftern und Politikern gute Vorschläge. Solche Fragen sollten nicht tabu sein, geht es doch um das optimale Funktionieren unserer Demokratie.

Verwandte Beiträge: