Warum werden AKW als Risiko wahrgenommen?

Im Rahmen ihrer «Risiko-Woche» liess die Informationssendung 10 vor 10 von SRF 1 abklären, vor welchen Risiken sich Schweizerinnen und Schweizer fürchten. Dazu erarbeitete sie mit Andreas Diekmann und Heidi Bruderer von der ETH Zürich eine Risikostudie, bei der 2118 zufällig ausgewählte Personen telefonisch befragt wurden. Bei den Umweltrisiken fiel ein hoher Wert auf: 61 % stuften Atomkraftwerke als sehr oder gar extrem gefährlich ein.

Warum ist das so? 10 vor 10 lässt dazu in der Sendung vom 23. August den Studienautor Diekmann zu Wort kommen sowie Jürg Joss vom Verein Fokus Anti-Atom und die Mediensprecherin des Stromkonzerns Axpo. Interesse bestand auch an einer historischen Einschätzung, wofür ich angefragt wurde. -> Zum besprochenen Themenbeitrag

Ob Atomkraftwerke ein kleines, ein grosses oder ein extremes Risiko darstellen, kann ich nicht beantworten. Das liegt nicht in meiner Kompetenz, ich bin kein Atomphysiker. Es ging bei der Umfrage indes nicht darum, wie sicher oder unsicher AKW sind. Wie bei anderen ähnlichen Umfragen geht es bei einer Risikoeinschätzung letztlich um die höchst subjektive Meinung zur Sicherheit. Es geht nicht um das reale Risiko – wer könnte es berechnen? -, sondern um das gefühlte Risiko. Wenn sie über grosse Risiken für unser Land nachdenken, fallen über der Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer Atomkraftwerke ein. Die Atomenergie steht damit an erster Stelle der Technologie- und Umweltrisiken.

Mich erstaunt der hohe Wert nicht. Es gibt dafür viele Gründe. Das Thema ist relativ aktuell, denn der schwere Nuklearunfall von Fukushima hat 2011 in der Schweiz zum Entscheid für einen mittelfristigen «Atomausstieg» geführt. Damit endete die Debatte jedoch nicht. Seither hält in der Bundespolitik das Ringen um die sogenannte «Energiewende» an. Unklar bleibt, wie der Umstieg weg vom Atom und hin zu den Erneueren geplant, gefördert und vollzogen werden soll. Wahrscheinlich ist, dass in wenigen Jahren darüber eine nationale Abstimmung statt finden wird – sei es über die Initiative der Grünen für einen Ausstieg mit festen Laufzeiten oder über ein Bundesgesetz. Es wäre nicht das erste Mal.

Denn das Thema ist schon länger umstritten. Über die Energiepolitik und speziell die Atomenergie wird in der Schweiz seit über 40 Jahren intensiv debattiert. Die ersten Atomkraftwerke in Beznau und Mühleberg wurden in den späten 1960er Jahren ohne nennenswerte Opposition hochgefahren. Ab 1970 formierte sich jedoch eine immer stärkere Anti-AKW-Bewegung, speziell rund um Basel und Genf. Höhepunkte der Auseinandersetzung zwischen den Elektrizitätsgesellschaften und den AKW-Befürwortern auf der einen sowie Naturschützern und jungen Gesellschaftskritikern auf der anderen Seite waren die Besetzung des Bauplatzes von Kaiseraugst im Frühjahr 1975 und die Grossproteste im Sommer 1977. Die Gegnerschaft vermochte den Bau und die Inbetriebnahme zweier leistungsstarker AKW in Gösgen und Leibstadt zwar nicht verhindern, wohl aber die Bauten in Kaiseraugst und Graben. Zudem war die Gegenbewegung insofern «erfolgreich», als es ihr gelang, die zunächst weitgehend positive Einstellung zu AKW bei grossen Teilen der Stimmbevölkerung in wenigen Jahren komplett zu ändern. Bei der ersten nationalen Volksabstimmung stimmten im Februar 1979 fast 49% für eine atomkritische Initiative. Über die Frage der Atomkraftwerke ist die Schweizer Stimmbevölkerung gespalten.
Buchtipp: Patrick Kupper, Atomenergie und gespaltene Gesellschaft (Inferenzen 3), Zürich 2003.

Nach 1979 standen 1984, 1990 und 2003 weitere Initiativen auf nationaler Ebene und daneben eine Vielzahl atomkritischer Vorlagen auf kantonaler und lokaler Ebene zur Abstimmmung an. In einigen Kantonen gab sich das Volk weitgehende Mitspracherechte. Schweizweit scheiterten alle drei bisherigen Ausstiegsinitiativen. Von den eidgenössichen Volksinitiativen, die sich direkt oder indirekt gegen die Atomkraft richteten, wurde nur eine angenommen: Im September 1990 stimmte eine Mehrheit der Stimmbevölkerung einem 10-jährigen Moratorium zu. Doch 1998 fand ein Anlauf des Bundesrats für einen schrittweisen Ausstieg keine Mehrheit im Parlament und im Mai 2003 wurde die zweite Moratoriums-Initiative abgelehnt.

In all den Debatten stand der Themenkomplex Sicherheit immer weit oben, ob es nun konkret um die Strahlenbelastung, das Risiko eines schweren Unfalls oder die Endlagerfrage ging. Auch die Gefahr terroristischer Anschläge und mögliche Risiken durch ein schweres Erdbeben kamen oft zur Sprache. All diese Gefahrenbilder und Risikovorstellungen aus der Debatte sind (aktiv oder passiv) präsent in vielen Köpfen. Durch Nachrichten und Berichte werden sie immer wieder neu abgerufen und aktualisiert. Besonders hohe Wellen werfen grosse Störfälle und Katastrophen, wie jene 1986 in Tschernobyl und die jüngste 2011 in Fukushima. Letztere haben in der weit entfernten Schweiz den Atomausstieg «bewirkt». Die Umfrage zeigt, dass der damalige Entscheid nicht aus dem Nichts kam, sondern einem weitverbreiteten Gefühl der Unsicherheit gegenüber der Technologie entspricht. Eine Mehrheit sieht in AKW ein grosses Risiko. Bei all den Debatten, die gerade wegen der vielen Initiativen geführt wurden, stellten die Befürworter von AKW die verschiedenen Risiken als beherrschbar dar. Doch im Begriff «Restrisiko» ist enthalten, dass dennoch ein Rest bleibt – 100% Sicherheit gibt es nirgendwo. Rund um das Thema Atomenergie lauert ein schauerhafter Assoziationskomplex: Atombombe, Atomkrieg, GAU, Kernschmelze, Radioaktivität, Verstrahlung, Strahlen, Missbildung, jahrhundertelange Belastung, Verseuchung, Endlager, Krebs und Tod. Kein Wunder bleibt auch ein «Restrisiko» in den Köpfen, in der Wahrnehmung zurück.

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