Archiv für den Monat: Dezember 2012

Kolumnitis

Es gibt ein ehernes Gesetz des modernen Journalismus: Alle Kolumnen streben nach dem Buch. Kaum konnte eine Schreiberin oder ein Schreiberling ein paar mal seine Weisheiten oder Beobachtungen auf wenigen Zeilen in die Welt posaunen, folgt flugs das Buch dazu. Und ein anderes Gesetz: Die meisten Kolumnisten sehen sich als grossen Star. Vielleicht gilt es auch für @KatjaWalder, die gern im Abendblatt ihre Pendlerbeobachtungen zum Besten gibt und im realen Leben als Radiojournalistin arbeitet. Obwohl das Pseudonym pünktlich zur Vernissage ihres Buchs gelüftet wurde, gibt es weiterhin Walder-Kolumnen. Und was konnte man da letzthin lesen? Über eine Frau, die vollbepackt zum Tram stürmt etc., um – man ahnt es früh – rechtzeitig nach Luzern zu fahren, wo sie sich in eine Glasbox sperren lässt. Wusste ich es doch, alle Kolumnen sind letztlich Eitelkeit. Und schon prangert das gleiche Brillengesicht auf dem Titelblatt des Migros-Magazin. Die Schweiz, ein Land der Cervelatpromis.

Apropos Glasbox: Das grosse Medienunternehmen SRG SSR idée suisse gibt mit “DRS” eine bestens eingeführte Marke freiwillig auf. Doch wenn “Deutsch- und rätoromanische Schweiz” oder was das mal hiess, geht, verschwinden dann auch (endlich) das Gutenachtgschichtli und andere Sendungen auf Rumantsch Grischun? Bei aller Freude an der Sprachenvielfalt, das ist eine Alibiübung, weil nun mal kaum ein Deutschschweizer diesen Alpendialekt versteht. Seit die Bündner ganz allein ein weiteres TV-Radio haben, gibt es keine Rechtfertigung mehr dafür. Sei’s drum, seit Sonntag sendet also nur noch SRF. Verwirrend ist, dass es beim Fernsehen ein SRF 1 und SRF 2 gibt und beim Radio dasselbe nochmals. Als ich aufwuchs, hiessen zwar das staatliche Farbfernsehen und die werbefreien Radiosender auch schon gleich, doch es gab nur ein DRS; gut zu unterscheiden von den Radios, da nur diese nummeriert waren. Beim neuen Wirrwarr mit SRF 1, SRF 2, Radio SRF 1, SRF 2 Kultur, SRF 3, SRF 4 news und SRF info ist es absehbar, dass recht bald die nächste Korrektur folgen wird. Da haben Giacobbo/Müller völlig Recht.

Und zuletzt noch dies: Was tut man, wenn ein Kalender endet? Genau, den neuen aufhängen. In diesem Sinne konnte mir auch noch niemand erklären, warum das Ende eines Kalenders der Maya dem Weltuntergang entsprechen soll. Und sowieso bei allem Medienhype sollte man das kritische Denken dennoch nie ausschalten: Hat ihn eigentlich irgendwer von all denen, die darüber schreiben, schon mal gesehen, diesen famösen Kalender? Wie sieht er aus, wie ist er erhalten, wie ist er zu deuten? Die Historiker nennen das Quellenkritik. Etwas mehr davon wäre vielen Gratisjournalisten und Kolumnisten in aller Welt dringend zu empfehlen. Alles Gute zum neuen Maya-Kalenderjahr!

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