Archiv für den Monat: September 2012

Leicht zu spät oder etwas zu früh

Die Initiative für den Schutz vor Passivrauch wird morgen abgelehnt. Es gelang ihr nie, aus der Defensive zu kommen, in die sie die Gegner mit riesigem Propagandaeinsatz stellten. Es war in den letzten Wochen feststellen, dass die Begriffe Zwängerei, Gesundheitsfanatismus und Bevormundung oft fielen, wie zahlreich ansonsten unpolitische Raucher der Facebook-Fangruppe mit dem violetten Logo beitraten und dass auch viele Nichtraucher die Initiative unnötig fanden. Auf der schlecht besuchten Facebook-Seite des Pro-Komitees wurden die Befürworter mit massivsten Vorwürfen eingedeckt. Mit Ja Stimmende nähmen den Rauchern die Freiheit, quasi die letzte Freude, seien genussfeindlich und überhaupt voll totalitär. Interessanterweise wurden diese Vorwürfe schon pauschal an «Linke und Grüne» verteilt, bevor beispielsweise die Grünen Schweiz ihre Ja-Parole nach kontroverser Diskussion gefasst hatten. 30 Jahre lang «weniger Staat/Steuern = mehr Freiheit» wirken überall nach.

Tödliche ParodieWäre die Initiative 2009 zur Abstimmung gelangt, bin ich überzeugt, wäre sie klar angenommen worden – mit den Stimmen aus den urbanen Gebieten und der Romandie. Doch da seit 2010 in den meisten Restaurants und Lokalen nicht mehr geraucht wird, hat sich die Situation für Nichtraucher oder vom Rauch genervte Konzertbesucher stark gebessert, so dass der Leidensdruck sank. Insofern kommt die Initiative etwas zu spät. Dieses Wochenende wird sie abgelehnt, weil das Bundesgesetz für den Schutz vor Nichtrauchen seit 2010 in Kraft ist. Als es im Parlament verabschiedet wurde, lobbierten die Gastro- und Tabaklobby für die bekannten Ausnahmen. Ein Gesetz ohne 80 m2-Regel (und bediente Fumoirs) wäre logischer gewesen und die Initiative unnötig. Doch es sollte nicht sein und nun werden die Löcher im Käse als Föderalismus schön geredet. Doch bei Atommüll, Asbest oder anderen krebserregenden Stoffen käme niemand auf die Idee, dass jeder Kanton das auf seine je eigene Lösung regeln soll, der eine etwas strenger, der andere etwas lascher. Wo der Tod droht, geht es darum, jedem Bürger soviel Schutz vor der Gefahr zukommen zu lassen wie möglich. Und auch die Freiheit des einen hört doch bekanntlich dort auf, wo die Freiheit des anderen anfängt. Warum gilt das alles nicht, wenn es um den blauen Dunst (und um Abgase) geht? Weil viel Geld dahinter steht.

Erst meinte ich, dass Passivrauch-Vorstösse nicht auf der üblichen Links-Rechts-Achse zu betrachten sind. Doch abgesehen von der Polarität zwischen Rauchern und Nichtrauchern entsprechen die Resultate doch am ehesten dieser Konfliktlinie. Entsprechend dürfte die regionale Verteilung ausfallen. SVP, FDP und Walliser nutzen die Gelegenheit, sich als Verteidiger der Freiheit und des Föderalismus aufzuspielen. Dabei geht es bei dieser Vorlage wie bei früheren in den Kantonen gar nicht um ein Verbot des Rauchens, das muss jeder selbst wissen. Letztlich zeigt sich der altbekannte Gegensatz: Auf rechter Seite wird mit variablen Argumenten letztlich immer für «die Wirtschaft» gekämpft, in diesem Fall für Gastrobetriebe und die Tabakindustrie. Wenn mit rauchenden Gästen mehr Geld zu machen ist, dann müssen Angestellte eben den Passivrauch einatmen (und eine zynische Einverständniserklärung unterschreiben, wenn sie eine Stelle suchen); wenn die Tabakindustrie im Aargau, im Luzerner Hinterland oder in Neuenburg Arbeitsplätze schafft, dann ist es wohl egal, dass Rauchen schwere Krankheiten verursacht. Wirtschaften und Profit machen sind immer gut, solange die Handgranaten anderswo explodieren – und sterben muss man sowieso, schneller geht’s mit Marlboro. Längst nicht alle Nein-Sager denken so, aber implizit läuft es bei vielen vorgeblichen Freiheits-Verteidigern darauf hinaus.

«Sei kein Weichei», so ungefähr wirbt die Tabaklobby.Dagegen schätze ich an den Grünen, dass sie die Werte des Lebens höher gewichten, das sind etwa die Würde des Menschen, Umwelt- und Generationengerechtigkeit, Rücksicht auf die Biodiversität und eben auch Gesundheitsschutz für alle Arbeitnehmer. Dass viele Raucher ihre Sucht als Genuss verniedlichen, ist nachvollziehbar, und dass mit Tabak reich gewordene Fabrikanten das Rauchen als eleganten Lebensstil verklären, erst recht. Doch steht hinter dem Gerede eine menschenverachtende Industrie, die seit Jahrzehnten genau diese Attribute in ihrer PR propagiert und es bisher verstand, immer wieder neue junge Menschen anzufixen. Wer sich für eine nachhaltige und faire Welt einsetzt, gegen die Prädominanz der Wirtschaft vor anderen menschlichen Bedürfnissen, der kann das Tun der Tabakindustrie nicht gutheissen. Wer die Gehirnwäsche der Lobby erst einmal in ihrer vollen Tragweite erkennt, kann übrigens auch besser damit aufhören. Diese Erkenntnis verdanke ich Allen Carr selig. In einigen Jahren wird man vielleicht nirgendwo mehr drinnen rauchen und kann sich kaum mehr vorstellen, dass man noch 2009 in 90% der Restaurants verraucht wurde beim Essen. Für den Konsum (Genuss) einiger weniger ist das Personal in bedienten Fumoirs und besonders in kleinen Raucherbeizen nun weiterhin mehrere Stunden dem Passivrauch ausgesetzt. Eher früher als später wird das nicht mehr haltbar sein.

Der Trend geht weg vom Tabak – das hat nichts mit totalitärem Bevormunden der Leute zu tun, sondern ist die logische Folge aus dem heute eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis der schädlichen Folgen. Rauchen ist «out» und es wird nie mehr «in» sein oder gar jenes Versprechen der Freiheit, das uns die Werbung immer noch verkaufen will. Doch die ironische Kampagne von Ziggy Zaugg kam im Herbst 2012 zu früh: Noch sehen viele Raucher im Rauch weiterhin Genuss und Freiheit und erkannten in Ziggy nicht den zugespitzten Zynismus einer menschenverachtenden Industrie, die den Tod in Päckchen à 20 Stück verkauft.

Verwandte Beiträge: