Das Land der Milizblogger und Miliztwitterer

Twitter ist in aller Munde und heute gar das Thema in der beliebten Infosendung «Echo der Zeit» auf Radio DRS. Wenn ich mein Adressbuch durchsuchen lasse, entdecke ich effektiv immer mehr Personen, die ein Twitter-Profil führen. Ich followe gern, doch selten lese ich etwas von ihnen. Sie gehören zur Kategorie eins der Twitterer: Sie folgen ein paar Profilen und lesen nur (wenn überhaupt). Einige Politiker gehören immerhin zur Kategorie zwei: Sie folgen nicht nur, sondern verschicken auch dann und wann Tweets, wobei es sich meist um Hinweise auf neue Beiträge auf ihren Homepages handelt. Nur sehr wenige Twitterer gehören zur Kategorie drei, die nicht nur Tweets senden, sondern damit auch interagieren. Sie und nur sie stellen sowas wie eine neue Öffentlichkeit her; aus der Blogosphäre, über die Euphoriker ab 2004 redeten, wurde allmählich eine Twittosphäre. Kein Zweifel spielt sie gerade in Zusammenhang mit Konflikten in Regionen ohne grosse Medienvielfalt eine wichtige Rolle.

Doch bei uns, in der reichen Schweiz? Immer mehr Leute nennen ein Smartphone ihr Eigen, und da Twitter beispielsweise im iPhone schon fast im Betriebssystem sitzt, wird die Zwitscherei zweifellos zunehmen, oder zumindest der passive Konsum von Twitter. Doch dies allein erzeugt noch keine lebendige Blogosphäre. Philippe Wampfler stellte gestern die Frage, woran es liege, dass aus den hiesigen Bloggern “nichts” werde. Es stimmt: Anders als in anderen Ländern gibt es hierzulande praktisch kein Blog, der berühmt wurde, der zu einer vielbeachteten medialen Plattform geworden wäre. Es gibt auch so gut wie keine Personen, die über ihre Bloggertätigkeit bekannt wurden. Es gibt zwar etwa Manuela Hofstätter, eine Buchhändlerin, die durch ihre Twittermessages und ihren Blog zu Einladungen in Bibliotheken kommt. Und sicher viele Leute, die über andere Spezialgebiete bloggen und twittern. Doch bekannt ist anders. Woran liegt das?

1. Die Schweiz ist schlicht relativ klein. Daher beschränkt sich die Ausstrahlungskraft helvetischer Blogs auf eine kleine Sphäre. Zwar könnte die Öffentlichkeit potentiell sehr gross sein (hohe Smartphone-Dichte), doch sind die Kanäle vielen noch nicht bekannt.
2. Vom Bloggen lässt sich (noch?) nicht leben. Das hängt mit der Problematik zusammen, dass es noch immer keine Vergütungsmodelle gibt, die wirklich funktionieren. Das Wehklagen über die Gratismentalität bringt nichts. Es geht nicht an, die Konsumenten zu kritisieren; sie erlebten, dass praktisch alle Inhalte im Internet immer gratis waren, warum sollte man plötzlich bezahlen müssen (viel Geld fliesst nur an die Provider und Telekomfirmen).
3. In der Schweiz haben es Innovationen schwer. «Warum muss das jetzt sein?» – «Was soll das?» – «Wozu soll das gut sein?» – «Wieso diese SMS an alle?» lauten häufige Fragen zu Twitter. So liegt ein grosses Potential für mehr Meinungsvielfalt noch weitgehend brach. Viele ärgern sich über ihre Tageszeitung, doch in der sehr reichhaltigen Internetwelt ihre Informationen zusammen zu suchen, wagen sich erst wenige. Es ist eben etwas aufwändiger und die Bewertung der Angebote erfordert Medienkompetenz. Entsprechend verlieren die grossen Leitmedien zwar laufend an Auflage, doch geniessen sie weiterhin hohe Glaubwürdigkeit, was die Seriosität ihrer Meldungen und Kommentare betrifft. Derweil streichen Internetmagazine die Segel.

Wie können Autoren und Künstler im digitalen Zeitalter von ihrer kreativen Arbeit leben? Solange es keine Möglichkeiten gibt, vom Verfassen von Blogs, dem Kommentieren des täglichen Geschehens oder von innovativen Reportagen zu leben, müssen die allermeisten Blogger und Twitterer einem anderen Hauptberuf nachgehen. Sie sind vielleicht Lehrer, Buchhändlerinnen, Autoren, Filmemacher, Anwalt, Kleinunternehmer oder Angestellte. Einige sind Politiker, die den Kanal gern zur Information ihrer potentiellen Wähler nutzen. Genau wie die Politiker in der kleinen Schweiz offiziell Milizparlamentarier bleiben müssen, weil dies so gewollt ist, auch wenn es der Realität kaum noch entspricht, werden vorderhand die meisten Sozialmedienaficionados eben Milizblogger und Miliztwitterer bleiben. So geht das.

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2 Gedanken zu „Das Land der Milizblogger und Miliztwitterer

  1. Philippe Wampfler

    Danke für diesen Beitrag zur Debatte – und schon lebt die Blogosphäre wieder ein wenig. Mir gefällt die These, dass bloggen in der Schweiz immer eine Nebentätigkeit ist – und so irgendwie auch Mittel zu einem Zweck, nie Selbstzweck. Deshalb verändert sich seine Bedeutung, es gibt bessere Mittel, die entsprechenden Zwecke zu erreichen.
    Ich glaube aber nicht, dass die Kleinheit der Schweiz oder die Finanzierung wirklich das Problem sind. Wer will, kann in der Schweiz von schlauen Jobs viel besser bescheiden leben als Deutsche das können – und sehr häufig machen.
    Man wundert sich ja auch, warum es in der Schweiz mit wenigen Ausnahmen (Infamy, Medienspiegler, auch sowas wie Journal21) auch keine Gemeinschaftsprojekte gibt, wo engagierte Bloggende Themen gemeinsam angehen und eine hoch stehende Plattform bieten.

    1. Raffael Artikelautor

      Ich denke, die schwierige Finanzierung hängt ihrerseits mit dem Punkt 3 meiner Überlegungen zusammen: In der Schweiz mangelt es vielen an Mut, die bürgerlichen Konventionen zu sprengen (so à la: ein anständiger Mensch hat einen Briefkasten und mind. einen 80%-Job). Und was du erwähnst, wirkt ja gerade mit: Viele Leute haben hier Jobs und leben oft ganz gut davon – warum sollte man alles auf eine Karte setzen und beispielsweise ein Blogprojekt starten? Da sind dann doch viele lieber Journalist oder was auch immer. Wird ein Projekt doch gewagt, dann geht es bald wieder ein – und da spielt eben die geringe Reichweite und das fehlende Geld bestimmt eine Rolle.

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