Städtische Wahlen sind vor allem eines: Sehr viel Papier. In einem Couvert kommt ein ganzer Stapel Werbung mit hübschen Gesichtern und kurzen Aussagen. In einem anderen Couvert kommen dann die vielen Listen und dank der SVP diesmal als Zugabe noch ein Abstimmungszettel (JA). Damit es zu weniger doppelten Stimmabgaben kommt (dann sind beide ungültig!) und es beim Auszählen etwas leichter geht, haben die Papiere schöne Farben: Roter Abstimmungszettel, weisser Grossstadtrat, blauer Stadtrat (symbolisch?) und grüner Stapi (subtil!).
Dass es für ein Parlament mit 48 Köpfen halt ein paar lange Listen braucht, kann ich gut nachvollziehen. Da uns die Fusion erspart bleibt, müssen wir nicht darüber nachdenken, ob man im Fall einer Vergrösserung des Grossstadtrats vielleicht hätte Wahlkreise einführen müssen, da 48 schon am oberen Rand des Zumutbaren ist. Immer wieder erstaunt bin ich aber über die Vielfalt von Listen für die Wahl der Exekutive. Obwohl es “nur” 10 Bewerbungen (von 8 Kandidat-en und 2 -inn-) für den Stadtrat gibt und 5 davon gleich auf das Stadtpräsidium aspirieren, werden nicht weniger als 19 blaue und 16 grüne Listen verschickt. Soviel Papier! Dabei ginge es auch einfacher: Hätte sich etwa der Wirtschaftsverband “für eine bürgerliche Stadtregierung” mit dem “Komitee Bürgerliche Mehrheit” abgesprochen, wenn es das überhaupt gibt, hätten sie gemerkt, dass sie auf dasselbe Trio setzen. Den Vogel schiessen aber die Freunde von Manuela Jost ab, die ihre Kandidatin gleich auf drei weiteren Listen mit unterschiedlichen “Gschpänli” empfehlen, natürlich als Chefin im Team. Interessant zudem, dass der Kandidat der Grünen auch von den Jungen Grünen und der Juso unterstützt wird, die bisherige SP-Frau aber nur von ihrer eigenen Partei als Präsidentin empfohlen wird und sonst von niemandem.
Vielleicht eignen sich die viele Zetteli aber wenigstens als Prognose. Betrachten wir die 19 Stadtratslisten und die 16 Stapi-Wahlzettel genauer, kommen wir zu diesem Resultat:
| Person | Partei | als Stadtrat | als StadtpräsidentIn | ||
| Borgula Adrian | Grüne | 9 | 3 | ||
| Stämmer Ursula | SP | 9 | 1 | ||
| Merki Martin | FDP | 9 | |||
| Roth Stefan | CVP | 8 | 7 | ||
| Züsli Beat | SP | 6 | |||
| Jost Manuela | glp | 5 | 4 | ||
| De Sa Adelino | Juso | 4 | |||
| Hermetschweiler Rolf | SVP | 3 | |||
| Federer Philipp | parteilos | 2 | |||
| Welti Marc César | parteilos | 1 | 1 |
Die Listenzusammenstellung passt zu meiner Einschätzung, dass nach heutigem Wissensstand wohl 6 Personen das Rennen um die 5 Sitze im Stadtrat unter sich ausmachen werden. Nach dem ersten Wahlgang wird sich zeigen, wieviele Stimmen die Vertreterin der jüngsten Partei von rechts und links bekommt und ob man in ihr das neue Mitte-Element sieht, das dem aktuellen parteilosen Stadtpräsident entspricht. Werden die drei Kandidaten der Plattform sozial-grün-offen weit vorne rangieren, geht ihre Strategie auf? Im seltsamsten Fall kommt es noch zu einem Stadtrat mit einer rot-grünen Mehrheit, der von einem CVP-Mann geführt wird. Dann bedankt euch bei der SVP – der einzigen Partei, die es fertig bringt, jemanden als Stapi vorzuschlagen, den sie für die Wahl in den Stadtrat nicht auf der Liste führt. Ich gehe jetzt mal eher von einem Vertreter oder einer Vertreterin des rot-grünen Lagers aus, der/die im zweiten Wahlgang das Rennen macht. Dass sich die beiden Parteien da nicht einigen konnten, hilft vielleicht auch den Hellgrünen. Wir werden sehen. Auf jeden Fall ist es spannend wie schon länger nicht mehr. Füllt die vielen bunten Papiere aus!

Du weisst schon, was sie sagen? “Papier ist geduldig”?