Archiv für den Monat: September 2011

Schweizer wählen

Es ist wieder soweit und man sieht es überall. Das Parlament wird bald neu gewählt, es ist also Zeit für ein Upgrade. Da melden sich Politiker aller Parteien zu Wort. Die neue Kraft ist auch für eine Schweiz ohne Atomkraftwerke. Manche geben Tieren eine Stimme (wau!), andere haben es gern national umweltbewusst und sozial. Wenn ihnen sonst nichts einfällt, heisst es: Ja zu den Bilateralen, aber Nein zur EU. Sie kämpfen für eine lebenswerte Schweiz, die einfach menschlicher ist und gegen die Sexualisierung der Volksschule.

Aus Liebe zur Schweiz soll man die absurde Bürokratie stoppen, mittelständische Familien stärken oder die Masseneinwanderung stoppen. Man verlangt eine Stabilisierung der Gesamtbevölkerung, sonst verdrängen noch Asylanten die Schweizer. Die einen versprechen das neue Wirtschaftswunder mit neuen Arbeitsplätzen dank erneuerbaren Energien und fordern faire Mieten für alle statt für wenige und die Abschaffung der Pauschalbesteuerung. Es gibt keine Schweiz ohne uns, drohen die anderen. Lieber echt grün, echt stark. Jetzt. Aber auch morgen. Amen.

Schweizer wählen… Schweizer, aus allen Parteien, Regionen und mit den verschiedensten Rezepten. So soll es auch sein. Es lebe die Vielfalt und der Marktplatz der Ideen.

  • Ordne alle Slogans den richtigen Parteien zu. (Die Links dienen zur Kontrolle.)
  • Welcher Begriff kommt am häufigsten vor? Überlege, warum könnte das so sein? Ist das eine sinnvolle Strategie? Argumentiere.

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Wo steckt er bloss?

Vor den Luzerner Kantonsratswahlen schrieb ich einmal, dass der Wahlkampf stark von aussenpolitischen Ereignissen überschattet war. Ich dachte dabei neben Fukushima auch an die Aufstände in der arabischen Welt. Damals war die Situation in Libyen und Jemen noch sehr unübersichtlich. Heute sieht es anders aus, obwohl die Situation in einigen Ländern noch nicht entschieden ist. Bilanz heute, nun vor den eidgenössischen Wahlen: Die nordafrikanischen Staaten Tunesien, Ägypten und Libyen dürften sich als Demokratien neu organisieren; bei Jemen und insb. Syrien könnte der Machtkampf noch Monate andauern, in Bahrein wurden die Proteste vom mächtigen Nachbarn Saudi-Arabien erstickt.

Doch der frühere Machthaber Libyens meldet sich noch immer periodisch zu Wort und droht den Rebellen die Vernichtung an. Wie schon bei seinem peinlichen Regenschirm-Auftritt scheint Oberst Gaddafi vollends der Realität entrückt. Das Land ist nicht mehr unter seiner Kontrolle und dem Nationalen Übergangsrat (NTC) fehlt nur noch seine Ergreifung, um den Aufbau eines neuen Staats energisch voranzutreiben. Solange Gaddafi noch im Land ist oder vermutet wird und noch vereinzelte Sympathien geniesst, stellt er eine Gefahr dar. Die Mehrheit der libyschen Bevölkerung dürfte sich indes freuen über den Machtwechsel. Obwohl von den Libyern begrüsst, war die aktive Unterstützung der NATO für die Rebellen etwas fragwürdig. Das Uno-Mandat zum “Schutz der Zivilbevölkerung” wurde dadurch ziemlich extensiv ausgelegt. Aufgrund dieser Erfahrungen werden Russland und China wohl noch seltener einer internationalen Mission zustimmen, die von den Westmächten gewünscht wird.

Interessant war, dass sich diesmal Frankreich und Grossbritannien an die Spitze stellten. Beide Staaten müssen aufpassen, dass sie nicht als Kolonialmächte erscheinen, nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs am Ende des Ersten Weltkrieg waren sie als solche in der Region präsent (Frankreich in Syrien/Libanon, Britannien in Irak/Palästina/Ägypten). Doch anders als in den Fällen von Afghanistan und Irak, deren Nachkriegsordnung von den USA völlig verfehlt angepackt wurde, überliessen die westlichen Eingreifer diesmal die Initiative weitgehend dem NTC vor Ort. Das ist sicher eine gute Strategie. Denn ausländische Besatzungstruppen sind nicht gewünscht; es genügt schon, dass bei den massiven Luftschlägen immer wieder auch Zivilisten umkommen. Den Libyern ist zu wünschen, dass die Operation nun bald ganz abgeschlossen und das Land wieder aufgebaut werden kann. Gaddafi sollte vor ein internationales Gericht gestellt werden. Aber vielleicht erhalten wir demnächst seine Todesnachricht. Dann blieben – wie im Fall Saddam Husseins – viele Fragen etwa über die internationalen Verstrickungen des Regimes offen. Gerade im sog. Krieg gegen den Terror haben westliche Staaten offenbar mit Gaddafi paktiert und ihm verdächtige Islamisten zum Foltern geschickt. Dafür war er also gut genug. Gaddafi wandelte sich in der Wahrnehmung der Westmächte und den Medien mehrfach: Vom Terrorfinanzierer wurde er 2003 zum Verbündeten im Kampf gegen den Terror. Und seit dem Volksaufstand ist er 2011 wieder zum finsteren Diktator mutiert. Tatsächlich geht’s in der Weltpolitik meist um handfeste Interessen.

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Grosser Bahnhof (für eine kleine Uni)

An diesem Wochenende war viel los in Luzern, am Samstag gleich drei Grossanlässe. Vom Verkehrshaus-Lido hörte man Lautsprecherdurchsagen und Fluggeräte steuerten in den See, Red Bull verlieh Flügel. Die Universität Luzern öffnete die Tore ihres neuen Gebäudes für die Öffentlichkeit und am Samstag und Sonntag folgten nicht weniger als 28’000 Besucher der Einladung. Am Samstagabend wurde das neue Fussballstadion auf der Allmend, die swissporarena mit einem Freundschaftsspiel gegen den Hamburger SV vor knapp 17’000 Besuchern (ausverkauft) noch offiziell eröffnet. Gleichzeitig schritten unter der Erde die Arbeiten an der Sanierung des Autobahn-Cityrings voran. Der individuelle Verkehr staute sich stundenlang. Das ist Luzern. Man scheint sich hier zu sagen: «Wenn schon feiern, dann aber gleich richtig!» Flugshow, Fussballstadion, Universität – Luzern ist in Bewegung, bleibt am Ball und macht hoffentlich vermehrt durch geistige Höhenflüge von sich reden.

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Mächtige Sujets

Masseneinwanderung stoppen! (Original) Massenhaft neue U 17 Helden! (Kopie)
   

Der SVP (resp. ihrem Werber Alexander Segert) gelingt es immer wieder, in der Öffentlichkeit starke Sujets zu setzen. Dass sie stark beachtet werden, liegt natürlich auch an der Repetition, also am massenhaften Einsatz. So konnte man das jüngste Machwerk anfangs August in der ganzen Schweiz auf tausenden Plakatwänden sehen, die oft an sehr prominenter Stelle standen. Wie schon beim Schäfchenplakat kursieren im Internet Kopien, die häufig den Sinn der Kampagne ins Gegenteil verkehren. Damit stellen sie die Parolen der SVP in Frage. Aktuell weisen sie hier etwa auf Kinder von Migranten hin, die hochwillkommen sind, wenn sie für die Schweiz Erfolge erzielen. Dennoch frage ich mich bei den Parodien, ob sie hilfreich sind. Verstärken Sie nicht doch das Original nochmals? Man erinnert sich auch beim Betrachten der netten grünen Kopie an das rote Original. Insofern ist es nur logisch, dass die SVP nie rechtlich gegen die Verfremder vorgeht. Sie profitiert, denn auch die Parodie ist eine Form der Repetition.

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