Archiv für den Monat: August 2011

Kein Zweifel

In einem Leserbrief weist Karl Zweifel auf die Bestimmung in der US-Verfassung von 1787 hin, wonach das «Recht auf Leben, auf Freiheit und auf Erlangung persönlichen Glücks (Besitz)» unveräusserlich und ergo unverhandelbar seien. Daraus leitet der Chirurg messerscharf ab, dass eine Erbschaftssteuer «in einer echten Demokratie» eigentlich «unmoralisch und antidemokratisch» sei, denn man dürfe auch nicht per Mehrheitsrecht eine Minderheit oder ein Individuum enteignen. Und Zweifel schliesst mit den Worten: «Das Mehrheitsprinzip der Demokratie hat nur dort Gültigkeit, wo individuelle Freiheits- und Menschenrechte nicht verletzt werden.»

«Pursuit of Happiness» einseitig mit dem egoistischen Besitzstreben gleichzusetzen, verrät viel über eine materialistische Grundhaltung. Und wer eine Erbschaftssteuer mit Enteignung gleichsetzt, muss konsequenterweise jede staatliche Steuer als Diebstahl ansehen. Solche Thesen werden selbst in den USA nur von Extremisten vertreten, die sich neuerdings in der Tea Party organisieren. Der SVP und ihren Exponenten wäre zu raten, sich besser an die Bestimmungen unserer, der Schweizer Verfassung von 1848 zu halten. Man dürfte sich durchaus überlegen, ob vielleicht auch hierzulande das demokratische Mehrheitsrecht nicht seine Grenzen haben könnte und müsste – etwa dort, wo es die Religionsrechte von Minderheiten verletzt (Anti-Minarett-Initiative), zweierlei Recht schafft (Ausschaffungsinitiative) oder Völkerrecht ritzt. Aber das wäre sicher zuviel verlangt von einem Kantonsrat, der sich lieber am Mittelalter orientiert und von Vierteilen als gerechter Strafe für Verräterinnen fantasiert.

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Tatort Politik

Am Sonntagabend lief der erste in Luzern gedrehte Tatort über die Schweizer Fernsehschirme. Einiges gab es zu lesen im Vorfeld wegen der Verschiebung und dem Nachdreh einer Szene. Ich war gespannt auf den Film und sah ihn mir auch an. Heute stimme ich nicht in den Chor jener ein, die den Schweizer Tatort einfach zerreissen. Verglichen mit anderen Tatort-Produktionen – und ich habe nicht wenige geschaut in den letzten Jahren – ist er weder besonders schlecht noch ausnehmend brillant. Sauberes Mittelmass, irgendwie ganz passend zur Schweiz. Toll war es, die Kulissen zu betrachten und sich zu fragen, wo das ist oder sein könnte. Einige Orte kamen einem vertraut vor oder man erhaschte ein Detail, das auf den Drehzeitpunkt verweist (Schnee am Pilatus, Unigebäude im Bau). Das “Luzerner Team” gewann noch nicht recht Kontur, aber das kann noch werden, da ja im nächsten Film erst die zweite Hauptfigur eingeführt werden soll. Auffällig war, dass alle sich duzten in dieser fiktiven Luzerner Polizei. Das könnte passen, im Unterschied zu Deutschland hält man es hier tatsächlich lieber persönlich.

Ein guter Tatort ist nicht bloss ein Krimi, der 90 Minuten unterhält. Gute Filme der Serie haben immer wieder gesellschaftliche Themen auf hintergründige Weise behandelt und manchmal auch Tabu- oder sonst wenig diskutierte Themen einem sehr grossen Publikum nahe gebracht. Vielleicht ist das generell die grosse Kunst eines Krimis: Über die Spannung hinaus auch Zeitdiagnose oder Gesellschaftskritik zu transportieren. Das gelingt beispielsweise den grossen nordischen Meistern der Kriminalromane immer wieder hervorragend. Gemessen an (zu) hohen Erwartungen war die Story des ersten Luzerner Tatorts eher enttäuschend. Ein Politiker wurde entführt – oder liess sich entführen, was ging schief und warum? Für einen echten “Politkrimi” fehlte allerdings eine wichtige Zutat: politischer Inhalt. Im Vorfeld konnte man lesen, dass offenbar eine Szene neu gedreht wurde, die einen unsympathischen Alten zu nahe in die Nähe der SVP rückte. Nun blieb er zwar drin, doch mit dem harmlosen Thema Gemeindefusionen war man meilenweit weg von den wirklich kontrovers diskutierten grossen Fragen der Schweizer Politik, die durchaus auch in Deutschland immer wieder für Aufsehen sorgten: Minarettverbot, generell unsere Ausländerpolitik und die vielen grossen Plakate, die man aktuell ja auch wieder sieht. Mehr Mut des Schweizer Fernsehens hätte nicht geschadet. Wenn schon Politik im Tatort vorkommt, dann bitte richtig oder mindestens etwas konkreter, was heute in der Schweiz politisch läuft.

Apropos Deutschland: Die Synchronfassung soll ja arg verunglückt sein. Ich finde, wir sollten “die Schweizer” in Deutschland nicht blöder darstellen als wird sind, nicht schlechter hochdeutsch reden als effektiv viele können. Eigentlich seltsam, fand ich hingegen, dass kein einziger Deutscher vorkam in der Schweizer Version! Denn das ist doch auch eine aktuelle Entwicklung in der Schweiz, die man aufgreifen dürfte, dass es seit der Personenfreizügigkeit mehr Deutsche hier gibt, über die sich nicht immer alle freuen. Statt dessen importierte man eine CSI-Heldin aus den USA, die perfekt Schweizerdeutsch sprach, obwohl sie (in der Fiktion) im Alter von 7 Jahren umzog. Nicht wirklich ganz überzeugend. Was nun die übertriebenen Träume betrifft, Luzern würde durch den Tatort auf einen Schlag zur Schweizer Filmstadt aufsteigen, kann ich nur müde lächeln. Zwei Sexszenen mit einer amerikanischen Schauspielerin machen eben noch kein Hollywood. Das bleibt Wunschdenken!

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Massenaufwiegelung

Mit der «Masseneinwanderung» will die SVP also die Wahlen gewinnen. Ihr Plakat klebt tausendfach im ganzen Land, allein hier in der Stadt Luzern komme ich kaum nach mit Zählen (was das wieder kostet). Da es nichts bringt, der SVP ihren miesen Stil vorzuwerfen – alle Vorwürfe haben sie immer nur noch stärker gemacht – sollten wir ihnen entschieden entgegen treten, und zwar nicht mit Schmierereien oder Vandelenakten gegen die Plakate, sondern mit Argumenten. Wenig mehr bleibt uns im Wahlkampf, aber das ist schon viel: Freie Meinungsäusserung. Schliesslich können wir auf einen liberalen Staat durchaus stolz sein; mich bedrückt nur, dass die eine Partei so tut, als habe sie die Nation für sich gepachtet. Soviel nachträglich zum 1. August, obwohl ich eigentlich lieber den 12. September (1848) feiern würde.

Heute Punkt 1: Was heisst hier «Massenzuwanderung»? Das Plakat und das Wort suggerieren Horden von (dunkel aussehenden) Menschen, die ungebremst hierher strömen und auf unsere Kosten lebten. So ist es allerdings gar nicht. Personenfreizügigkeit heisst, dass Arbeitskräfte hierher kommen können, wenn sie eine Stelle finden. (Gegen jene wenigen, die nach kurzer Zeit schon nicht mehr arbeiten, sondern auf Sozialkosten leben wollen, geht man schon vor und das ist richtig so.) Die Arbeitskräfte kommen in der Regel nicht von allein, sondern werden angeworben und eingestellt von uns, von Schweizer Arbeitgebern. Es wird gelegentlich so getan, als ob Linke und Nette aus lauter Multikulti- Liebe all die Leute holten. Das ist gelinge gesagt Schwachsinn, ich habe noch nie jemanden geholt und ich kenne auch niemanden, der das macht. Dagegen sind mir eine Reihe von SVP-Politikern bekannt, die auf dem hiesigen Heiratsmarkt nicht fündig wurden. Einwanderung durch Heirat ist aber quantitativ relativ gering und wurde übrigens massiv erschwert durch das Gesetzespaket Blocher von 2006.

Wenn man die Statistiken über die Wanderungsbewegungen betrachtet, dann schaut es so aus, dass in den letzten 10 Jahren erstens eine Reihe gut bis hoch qualifizierter Arbeitskräfte ins Land kamen – sehr oft (weiss aussehende) Deutsche. Gäbe es hier genug ÄrztInnen, PflegerInnen, BankerInnen etc. müssten wir sie nicht holen. Ich bin sehr für mehr Anstrengungen im Bildungswesen und die Abschaffung künstlicher Beschränkungen wie Numerus clausus, aber die Zahl eigener Spitzenkräfte bleibt auch so begrenzt. Wenn unsere Wirtschaft mehr gute Arbeitsplätze schafft, als hier Leute leben, dann ist das doch ein gutes Zeichen!
Zweitens holte man aber auch einige nicht so gut qualifizierte Arbeitskräfte ins Land, die erledigen von uns ungeliebte Arbeit zu oft unanständig tiefen Löhnen. Und ratet, in welcher Branche am meisten solche billigen Hilfskräfte benötigt werden? Ja, im Gastgewerbe und auf dem Bau gibt es auch viele, aber es ist die Landwirtschaft, die am meisten temporäre Erntehelfer etc. braucht. Da sollten einige Bauern besser nicht über Deutsche, Muslime oder gar Sans-Papiers fluchen und SVP wählen – sondern sich mal an der Nase nehmen. Denn wo arbeiten wohl die Sans-Papiers? Es sind Leute, die sogenannt illegal unter uns leben, aber sehr real für uns arbeiten. Das ist im Prinzip auch eine Folge unseres Wohlstands, aber auch unseres Geizes. Denn die Arbeitgeber, wir alle könnten sie nämlich durchaus anständig behandeln statt auf die zu spucken, die für uns schuften.

Der Schweiz geht es 2011 ökonomisch gut, verglichen mit dem Euro-Ausland vielleicht sogar etwas zu gut. Aber wettern, fluchen, lästern und klagen sind keine typischen Schweizer Werte. Lügen auch nicht (auch nicht auf grossen Plakaten). S’il vous plaît!

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Zurück im Verkehr

Guten Abend, ich melde mich zurück auf meinem Blog. Ich war nicht etwa in den Ferien, sondern eher in einer Art intensivem Arbeitsurlaub. So kann das gehen, wenn man einen Text vollendet, dann wieder verändert und wieder kürzt und so weiter… Was ich dabei lernte, einmal mehr, Zeichenbegrenzungen von Texten sind ätzend. Man formuliert seine Gedanken und muss dann wieder davon Abstriche machen und weiss zuletzt nicht, ob das Wichtigste nicht gerade dadurch verloren ging – sehr frustrierend. Schön, dass mir hier niemand sagt, wie lang die Beiträge sein dürften.

Warum “zurück im Verkehr”? In Bern fuhr mein Zug nicht ab, weil er ein technisches Problem hatte, dessen Ursache ich bisher nicht weiss. Nach 15 Minuten fuhren wir, 22 Minuten zu spät waren wir in Luzern. Für mich nicht weiter tragisch, mein Anschluss wartet immer brav auf mich: Mein Velo steht in der Station und ist jederzeit fahrbereit. Das konnte man von den Autos nicht behaupten; rund um den Bahnhofplatz, über die Seebrücke und dem ganzen Schweizerhofquai entlang stapelten sie sich in den abenteurlichsten Positionen, um sich gegenseitig den Weg zu verstellen. Es geht also nicht ohne Ampeln – oder man ist es hier nicht gewohnt, darum gibt’s regelmässig ein Chaos, wenn mal was nicht stimmt. Und es zeigt sich einmal mehr, was ich schon lange wusste: Das beste Verkehrsmittel ist doch einfach immer noch das gute alte Velo. Ich kann langsam auf dem Fahrradstreifen fahren und muss mich nur selten über ein paar weniger intelligente Zeitgenossen ärgern, die auch noch dieses Gebiet für sich in Beschlag nehmen. Ich komme ja nicht rasend schnell vorwärts, aber bin dennoch eher zu Hause als alle anderen in ihren teuren Kisten. Es sollte rund um die Stadt grosse Park-and-Ride-Anlagen geben, wo man sein Auto parkieren könnte und dafür ein Mietvelo für einen Tag bekommt. Statt stapelweise Blechkisten könnten wir alle dann auf acht Spuren entspannt durch die schöne Stadt fahren…. Ja, das würde mir gefallen.

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