Archiv für den Monat: März 2011

Atomausstieg bleibt Pflicht

Der schwere Störfall in Japan zeigt, wie bedrohlich Atomkraftwerke sein können. Ich hoffe für die Japanerinnen und Japaner, dass möglichst wenig radioaktive Strahlung ausstritt, die Menschen, Tiere und Umwelt auf Jahre hinaus belasten würde. Wenn nun von AKW-Befürwortern sofort behauptet wird, die Schweizer Kraftwerke seien viel sicherer, dann entspricht das einem gut eingeübten Reflex. Es müssen doch Zweifel angemeldet werden, der Unglücksreaktor entspricht in der Bauweise dem AKW Mühleberg. Zugegeben, in der Schweiz gab es noch nie einen Tsunami, aber kann man deswegen auch alle anderen Risiken und Naturkatastrophen ausschliessen? Es kann jederzeit zu einem Unfall kommen, ein Restrisiko bleibt immer.

Die Schweizer Stromkonzerne und ihre parlamentarischen Interessenvertreter versuchen uns seit einiger Zeit einzureden, dass es zwei oder drei neue Atomkraftwerke brauche, wenn ab 2020 die heutigen Werke abgeschaltet werden. Sie reden von einer angeblich drohenden „Stromlücke“ und preisen gefährlichen Atomstrom überdies als ökologische, ja grüne Stromquelle an. Doch radioaktive Strahlung entweicht auch im „Normalbetrieb“ und schon kleine Mengen davon sind schädlich. Es gibt neuere Studien, die zeigen, dass es weniger Geburten und mehr Krebsfälle im Umfeld von AKWs gibt.

Schon in den 70er-Jahren behaupteten die Stromfirmen und manche Parlamentarier, dass die Schweizer im Kerzenschein lesen müssten, wenn nicht subito 10-15 Atomkraftwerke gebaut würden. Bekanntlich verlief die Geschichte nach der Besetzung von Kaiseraugst etwas anders. Die „Stromlücke“-Theorie basiert auf einer unwissenschaftlichen Extrapolation von heute auf morgen. Doch zunehmender Stromverbrauch ist kein Naturgesetz und zukünftiges Verhalten kann nicht vorausgesagt werden. Die zukünftige Nachfrage hängt auch ganz massgeblich von Angebot und Preis ab.

Vehement widersprechen möchte ich der Behauptung, Atomstrom sei eine klimafreundliche Technologie. Atomstrom ist keine erneuerbare Energie, da sie auf Uran basiert, das wie Erdöl endlich ist. Der Abbau von Uran zerstört ganze Landschaften, etwa in Niger, Kanada oder Australien, und er setzt grosse Mengen CO2 frei, genauso wie der weitere Transport z.B. in die Schweiz. Hinzu kommt, dass Atommüll noch über Jahrtausende weiter strahlt. Niemand will diesen und es gibt keinen Ort, wo es für die nächsten 100’000 Jahre völlig sicher versorgt werden kann.

Atomstrom ist eine höchst gefährliche Energiequelle, deren Einsatz unverantwortlich ist. Ganz sicher brauchen wir nicht noch neue Atomkraftwerke, denn es gibt gute Alternativen. Klimafreundlich heisst Effizienz, Stromsparmassnahmen und Erneuerbare Energien. Neue Atomkraftwerke würden den Prozess der Umstellung auf sauberen, grünen Strom nur behindern. Darum sagen Grüne und Umweltverbände seit Jahren entschieden Nein zu neuen AKW.

Dieser Artikel erscheint auch als Kolumne auf lu-wahlen.ch – Das ganze Meinungsspektrum. Auf dieser überparteilichen Seite finden Debatten im Vorfeld der Luzerner Kantonsratswahlen statt.

Verwandte Beiträge:

Nur noch ein elendes Trauerspiel

Es war einmal ein Mann, der wollte sich nicht damit abfinden, dass die Topmanger der grössten Unternehmen sich an ihren Arbeitgebern schadlos halten und masslos in die eigene Tasche abzocken. Als wackerer Schweizer, der an die direkte Demokratie glaubte, lancierte er also eine eidgenössische Volksinitiative. Die nötigen 100’000 Unterschriften hatte er schnell zusammen, das Anliegen war populär, denn das Volk störte sich sehr an der schamlosen Gier: Löhne, Boni und Abfindungen in Millionenhöhe, während einfache Arbeiter und Angestellte entlassen werden oder Lohnkürzungen hinnehmen müssen! Obwohl Thomas Minder mit den Parteien wenig zu tun haben wollte, halfen ihm darum insbesondere SP und Grüne beim Sammeln der Initiative.

Seither floss viel Wasser die Reuss, die Aare und den Rhein hinunter und noch mehr Geld in die Taschen der Vasellas, Ospels, Brabecks und ihrer vielen weniger bekannten Nachahmer. Das Parlament zu Bern führte derweil eine seltene Tragikomödie auf, mit dem Namen: Finde den Gegenvorschlag, versenke ihn, bastle einen neuen, spiele ihn hin und her, solange es nur geht. Hätten die hohen Räte die Vorlage abgelehnt, wie es bei Initiative üblich ist, wäre längst darüber abgestimmt worden. Weil sie aber das Verdikt des Volkes fürchten, bastelten die Gegner der Vorlage einen Gegenvorschlag im einen Rat, zerzausten ihn wieder im anderen Rat, um dann etwas neues vorzuschlagen, was dann wiederum dem Erstrat nicht passte. Der Verdacht liegt nahe, dass es ein sehr bewusstes Spiel war, um eine Abstimmung noch vor den Wahlen in diesem Herbst zu verhindern.

Es sind primär die grossen Parteien von Rechts und Mitte-Rechts, die ihre Wahlspenden von den grössten Firmen und finanzkräftigsten Lobbys partout nicht offen legen wollen, die kein Interesse haben am Abzockerthema. Es rumort jedoch im Volk, ja gerade in der Anhängerschaft der SVP sind die Abzocker fast genauso verhasst wie die (angeblichen) EU-Bürokraten. Dieser Partei der Widersprüche würde es sehr schwer fallen, ihrer Wählerschaft zu erklären, warum sie denn gegen striktere Regeln wie etwa eine Bonisteuer oder gegen mehr Demokratie im Aktienrecht ist – sie, die doch immer die Demokratie über alles stellt. Thomas Minder beging einen strategischen Fehler, als er sich auf einmal mit Christoph Blocher zusammentat und ernsthaft glaubte, der grösste Abzocker der 90er-Jahre würde nun zu seinem Verbündeten im Kampf gegen die Superlöhne und Boniexzesse der Grossbanken und Grosskonzerne. Nun ist Minder nur noch empört und das zu Recht. Leider hat er aber noch immer nicht recht begriffen, wie er von den Mitte- und Rechtsparteien vorgeführt wurde. Nur SP und Grüne waren immer konsequent gegen die masslosen Lohn- und Boniexzesse. Sie werden es auch in der Volksabstimmung sein und mit der 1:12-Initiative ist sonst noch eine weitere Waffe griffbereit im Köcher. Die Quittung für die Abzocker und dieses Trauerspiel der Parlamentsmehrheit wird kommen – aber leider nun offenbar erst nach den Nationalratswahlen. Aber man darf den vereinten bürgerlichen Abblockkräften von SVP, BDP, FDP und Teilen der CVP gleichwohl schon in diesem Oktober die Rechnung präsentieren. Ins Parlament gehören weder Abzocker noch Abblocker, sondern lösungsorientierte, ehrliche und unabhängige Politiker.

Verwandte Beiträge:

Fleischsorgen

In der Westschweiz is(s)t man wieder mal einen kleinen Schritt weiter. Die Frage des Fleischkonsums wurde mit Vorstössen in die Parlamente von Lausanne und Morges eingebracht. Konkret fordern die Wortführerinnen, zwei grüne Abgeordnete, dass an den Schulkantinen an mindestens einem Tag pro Woche nur Gerichte ohne Fleisch, Fisch und Geflügel auf dem Menüplan stehen. Sofort hiess es von der Gegenseite, dies sei eine sozialistische Einschränkung der Wahlfreiheit etc. Aber ich denke, dass man den Schulkantinen durchaus diesen Auftrag erteilen kann. Es gibt ja viele gute Vegi-Gerichte, und warum sollten Kinder nicht auf den Geschmack kommen dürfen?

Un Jour Végétarien par Semaine ist eine Initiative, die auf dem Fakt basiert, dass (zu) hoher Fleischkonsum in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Einerseits schadet zu hoher Fleischkonsum gesundheitlich, wie viele Studien zeigen. Andererseits verschärft hoher Fleischkonsum (wie auch die Unsitte von Biotreibstoffen) die Knappheit der weltweiten Nahrungsmittel. Es gibt eine Reihe von pflanzlichen Eiweissen, die Fleisch, Fisch oder Geflügel problemlos ersetzen können. Natürlich darf man sich die Frage stellen, ob denn Soja aus Brasilien besser sei als Rindfleisch aus der Schweiz. Nur, womit werden denn unsere Rindvieher gefüttert? Von der Autarkie (Selbstversorgung) im Ernährungsbereich ist die Schweiz zur Zeit so oder so meilenweit entfernt. Mehr pflanzliche und weniger tierische Ernährung verbraucht netto aber einiges weniger an natürlichen Ressourcen.

Klar ist: Steigender Fleisch-, Fisch- und Geflügelkonsum für eine weiterhin zunehmende Weltbevölkerung verschärft die Problematik der steigenden Nahrungsmittelpreise, die Überfischung der Meere und nicht zuletzt den Klimawandel. Interessant ist, dass hoher Fleischkonsum noch immer als Kennzeichen von Wohlstand gilt. So steigt aktuell in China mit der zunehmenden Entwicklung auch der Fleischkonsum an. In den Industrieländern stieg der Pro-Kopf-Konsum zwischen 1960 und 2000 von 57 kg auf 91 kg an. Es ist an der Zeit, mit dem Trend zu brechen. Weniger ist in diesem Fall eindeutig mehr: Weniger Fleischkonsum – weniger Folgeprobleme – höhere Lebenserwartung. Letzteres zeigt das Beispiel Japans, wo der Fleischkonsum relativ tief ist. Dafür isst man dort gern fettreiche Fische, die als sehr gesund gelten. Der aktuelle Sushi-Trend gefährdet den Blauflossenthunfisch akut. Wichtig sind demnach auch hohe Standards der nachhaltigen Bewirtschaft von Fischbeständen, damit nicht tieferer Fleischkonsum am Ende einfach mit der Leerfischung der Meere kompensiert wird. E Guete.

Verwandte Beiträge:

Kritische Fragen zur Wirtschaftsfakultät

Die Idee einer Wirtschaftsfakultät an der Universität Luzern ist streng genommen eine Notlösung. In einem Strategieprozess hat sich eine Arbeitsgruppe mit Zukunftsplänen für die junge Uni befasst. Sie kam zum Schluss, dass Luzern punkten könnte durch ein Betreuungsverhältnisses von 1:40 (1 Professur pro 40 Studierende), den Aufbau eines Zentrums für angewandte Forschung und einer Schwerpunktsetzung in Gesundheitswissenschaften mit einem neuen Studiengang Psychologie. Die Regierung lehnte die vom Universitätsrat vorgelegten Wünsche im letzten Dezember rundweg ab. Die Begründung war wenig überraschend: Das sei viel zu teuer, insbesondere die Verbesserung des Betreuungsverhältnisses würde den Kanton rund 10 Millionen Franken jährlich kosten. Es erging der Auftrag an die Universität, anstelle von Psychologie den Aufbau einer Wirtschaftsfakultät zu prüfen. Die Regierung äusserte Bedenken, ob AbgängerInnen der Psychologie genügend Arbeitsmarktchancen hätten. Das scheint für Ökonomen nicht zu gelten.

Nun befindet sich die Universität in der komischen Lage, die Idee einer Wirtschaftsfakultät zu verteidigen, die sie gar nicht wollte. Es gibt gute Einwände gegen die Ideen des Regierungsrates:

  1. Braucht es mehr Ökonomen? Die Finanzkrise hat mancherorts zum Abbau solcher Jobs geführt. Zudem besteht mit dem praxisorientierten Studiengang an der Hochschule Luzern bereits ein gutes Angebot.
  2. Ein Wirtschaftsstudium an der Universität ist stärker theoretisch. Doch damit erfüllt es das von der Regierung ins Feld geführte Argument der “Arbeitsmarkttauglichkeit” weniger.
  3. Diese Sichtweise ist generell in Frage zu stellen. An der Universität Luzern studieren heute ca. 2200 Studierende in drei Fakultäten, neben Theologie und Recht rund 800 in geisteswissenschaftlichen Fächern. Diese werden aus ihrem Umfeld immer wieder gefragt: “Und, was wird man damit?” Doch trotz dieser Vorbehalte hinsichtlich späterer Berufschancen nimmt die Zahl der Studierenden an der KSF weiterhin zu. Ich begrüsse es sehr, wenn Studierende primär aus Interesse und Freude an der Sache studieren.
  4. Die Arbeitswelt ist derart im Wandel, dass man heute nicht die Berufsaussichten von morgen vorhersehen kann. An Hochschulen werden grundlegende Fähigkeiten im Umgang mit dem wachsenden Wissen der Welt erworben – und das ist in einer Wissensgesellschaft immer mehr gefragt.

Luzern ist gut beraten, nicht alles nur mit einer wirtschafts- und finanzpolitischen Brille zu betrachten. Geld allein macht nicht glücklich. Eine Universität pflegt durch Lehre und Forschung die Wissenschaft, diese schafft Wissen. Studierende treten ein in diese Wissenswelt und bringen sie weiter. Hochschulen sind mehr als blosse Titelfabriken, die zu möglichst gut bezahlten Jobs führen. Von Bildungsstätten profitieren deren Standorte enorm, sie bringen die Gesellschaft voran – aber das lässt sich längst nicht immer in Geld und Arbeitsplätzen messen.

Dieser Artikel erscheint auch als Kolumne auf lu-wahlen.ch – Das ganze Meinungsspektrum. Auf dieser überparteilichen Seite finden Debatten im Vorfeld der Luzerner Kantonsratswahlen statt.

Verwandte Beiträge: