The end of capitalism as you know it

Bei meiner Arbeit habe ich ziemlich viel mit Geisteswissenschaftlern zu tun, seltener auch mit Juristen oder Theologen. Kaum je aber mit Naturwissenschaftlern, was sehr schade ist. Denn es ist äusserst spannend und fruchtbar, Probleme interdisziplinär anzugehen, die verschiedenen Sichtweisen zusammen zu führen. Über Umweltschutz habe ich zum Beispiel schon viel nachgedacht und diskutiert. Dabei geht es oft darum, was man tun kann. Die üblichen zwei Antworten sind in der Regel: Steuerung, Gebote, Verbote, Verpflichtung (klassische Politik) oder dann Lenkungsmassnahmen (die neo- oder grünliberale Variante). Manchmal heisst es auch ziemlich pauschal, aber wohl nicht ganz falsch, dass das gegenwärtige Wirtschaftsmodell und Umweltschutz schlecht verträglich sind.

Die Diskussion mit einem Naturwissenschaftler heute nachmittag zeigte mir weitere Ideen auf, die durchaus schon erprobt sind. Unsere Ökonomie basiert ja auf Verschleiss und dauernder Neuproduktion, ist eigentlich also in vielen Bereichen eine Wegwerfproduktion. Aber man kann den Konsumenten ziemlich wenig Vorwürfe machen, wenn sie die Dinge ersetzen statt sie zu reparieren, wenn die Stückkosten sinken, während die Lohnkosten unablässig steigen. Allerdings ist das ein völlig unverantwortlicher Umgang mit Material und damit den Ressourcen dieses Planeten, die nicht unendlich vorhanden sind. In den Umwelt- und Naturwissenschaften operiert man zunehmend mit neuen Kenngrössen, um Ökologie resp. Nachhaltigkeit zu messen: Stichwort Materialeffizienz. Es ist eine neue Ökonomie anzustreben, die den Wert der Ressourcen ganz einbezieht. Das vielgehörte Bonmot, man müsse “dem Umweltschutz einen Preis geben”, ist noch nicht zu Ende gedacht. Es genügt nicht, wenn z.B. die Verschmutzung der Umwelt ein bisschen was kostet und damit sogar noch ein neues Geschäftsfeld für Finanzspekulanten entstehen soll (Emissionszertifikate).

Nachzudenken ist über radikal neue Wege der Ökonomie und der Geschäftsmodelle selbst. Weg vom alten System, das zu unablässiger Überproduktion und Billigkonsum führt, hin zu einem neuen System, das die Langlebigkeit der Güter anstrebt. Wie das? Z.B. durch Miete statt Kauf, statt Computer zu kaufen, könnte man auch Rechenleistung mieten. Oder statt ein Velo zu kaufen, abonniere ich vielleicht in Zukunft Mobilität im abstrakten Sinn. Nein, das ist keine Utopie. Es geschieht bereits, nur hört man noch zu wenig davon. Ein Beispiel: Der französische Konzern Michelin liefert der US-Armee nicht die Reifen, sondern stellt ihr nur deren Nutzen zur Verfügung. Die Reifen gehören weiterhin Michelin, das Pentagon nutzt sie bloss. Logisch, dass da Michelin kein Interesse daran hat, massenhaft Reifen zu produzieren und zu verkaufen, sondern möglichst gute und langlebige Reifen zur Verfügung stellen will. Wahrscheinlich entsteht gerade etwas fundamental Neues. Ob man das Kind dann einmal Kapitalismus 2.0/3.0, Postkapitalismus oder sonst irgendwie bezeichnet, ist noch unklar. Hauptsache, es kommt rechtzeitig zum Funktionieren. Die gegenwärtige Verschleissökonomie kann angesichts schrumpfender Ressourcen (Peak Oil etc.) sowieso nicht auf Dauer aufrecht erhalten werden, mit zunehmender Weltbevölkerung und aufstrebenden Schwellenländern erst recht nicht. Das globale Wirtschaftssystem wird sich wohl noch stark verändern. Die Zukunft hat bereits begonnen.

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5 Gedanken zu „The end of capitalism as you know it

    1. Raffael Artikelautor

      Hach, wie originell! 🙂
      Es wird noch ein langer Weg sein. Viele Menschen verlassen sehr ungern die gewohnten Bahnen, schon gar nicht im Denken.

      1. Benjamin

        Die meisten Menschen treffen schon kaum je auf ungewohnte Ideen. Was mitunter ein Grund ist, wieso so viele glauben, wir würden derzeit in einer freien Marktwirtschaft leben.

        1. Raffael Artikelautor

          Ja, mag sein. Aber kannst du dir eine wirklich total freie Marktwirtschaft überhaupt denken? Ich glaube, das geht irgendwie gar nicht. Historisch gesehen gehört zur Marktwirtschaft auch der liberale Staat, ohne den ging es nicht. Und die Staaten haben dann seinerseits der Wirtschaft gewisse Leitplanken gesetzt. Ich denke, ohne Grundregeln geht’s nicht. Eine total schrankenlose freie Marktwirtschaft ohne jede Regulierung führte doch (ob bei gleicher oder bei der viel häufigeren Variante ungleicher Verteilung der Reichtümer) in kürzester Zeit zu Monopolen und dann wäre sie auch nicht mehr frei. Zudem was ist mit Arbeiterrechten, Umwelt etc.? Eine schrankenlose freie Wirtschaft würde die Menschen und den ganzen Planeten noch schneller und rücksichtsloser zugrunde richten. Bei der Vorstellung schaudert mir.

          Aber ihr armen Liberalen habt’s auch sonst schwierig momentan. Wie erklärt ihr den Bürgern den grössten Raubzug aller Zeiten? (Die Bailouts all dieser Banken im 2008, die nun zum Kollaps der Staaten führt, weil die Banken wieder spielen können mit dem billigen Geld der Staaten.)
          Ich bin für den Liberalismus, wir verdanken dem historischen Liberalismus viel: Demokratie, Menschenrechte, Gewaltenteilung, Säkularisierung etc. Aber einen absoluten Wirtschaftsliberalismus kann in letzter Konsequenz niemand wollen, nicht mal die Neoliberalen.

          1. Benjamin

            Oh, ich bin durchaus für Grundregeln, bloss halt für ein sehr enges Paket: Eigentumsschutz, Vertragsfreiheit, Verbot von Diebstahl, Betrug, Körperverletzung, Meinungsfreiheit etc.

            re Umwelt: Man darf nicht vergessen, dass der Staat selbst einer der übelsten Umweltverschmutzer ist. Darüber hinaus kann man darüber nachzudenken, Eigentumsrechte / Nutzungsrechte an Gewässern zuzulassen, was beispielsweise den konservativen Umgang mit Fischbeständen fördern und die Gewässerverschmutzung illegal machen würde.

            re Raubzug: Wir konsequenten, radikalen Liberalen sind gegen die Bailouts und gegen das billige Geld, mit dem Banken, Immobilien und riskante Geschäfte subventioniert werden. Und dies übrigens schon vor der Krise ’08. Wir Liberalen sollten also überhaupt nicht in der Defensive sein.

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