Archiv für den Monat: Oktober 2010

Das Kreuz mit dem Kreuz

Das Kreuz ist ein Zeichen der christlichen Religion, die hierzulande vielleicht nicht mehr so ernst genommen wird wie auch schon, aber weiterhin sicher die Hauptreligion ist/sein wird. Auf Berggipfeln stehen Kreuze als Zeichen der Besinnung oder als Verweis auf eine lange Tradition. In Schulzimmern hingen und hängen Kreuze oder Kruzifixe – sie erinnern an die frühere Dominanz der Kirche über die Bildung. Vielleicht sind sie deshalb manchen Leuten ein Dorn im Auge. Aber was wird denn erreicht, wenn sie nicht mehr hängen dürfen? In Triengen musste zuletzt der Opponent praktisch über Nacht fliehen. Er begründete sein Anliegen, es dürften keine Kruzifixe im Schulzimmer hängen, mit dem Verweis auf die Religionsfreiheit (auch die Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters haben diese garantiert). Leidtragende waren seine Kinder, die sich vielleicht gar nicht daran gestört haben. Nur gut waren es wenigstens nicht Muslime, die den jüngsten Kreuzstreit ausgelöst haben; sonst hätte es wieder getönt wie vor einem Jahr während der zusehends irrationalen Minarett-Debatte.

Die Sache erzeugte ein grosses Echo. Nun wittern Luzerner SVP- und CVP-Kreise Morgenluft. Sie wollen ein Komitee zur Verteidigung der Kreuze und Kruzifixe gründen. Bei der CVP liegt das Motiv nahe: alte Tradition und Nostalgie. Bei der SVP auch: Intoleranz gegen Andersgläubige, besonders Muslime. Ich finde, Kreuze sollten weiterhin ihren Platz haben dürfen. Und Religionsfreiheit heisst für mich nicht, dass in staatlichen Institutionen rein gar nichts an Religionen erinnern darf; nichts spricht z.B. gegen Weihnachtsfeiern in der Schule. Aber ich bin dezidiert der Meinung, dass man religiöse Symbole auch nicht als ideologische Kampfmittel missbrauchen sollte. Diese Gesellschaft, wir alle, egal ob gläubig oder nicht, sollten ein entkrampteres Verhältnis zur Religion finden. So erreicht man eher ein friedliches Zusammenleben aller Menschen als mit irgendwelchen komischen Kreuzverteidigungsbündnissen.

Verwandte Beiträge:

Zuviel heisse Luft

Mit grossem Medienbrimborium präsentierte die SVP gestern ein neues Parteiprogramm oder vielleicht auch erst einen Entwurf dazu, so genau scheint sie das noch nicht zu wissen. Neben den üblichen Parolen im Bereich Europa (EU Nein), Ausländer (möglichst wenig und bitte nicht einbürgern) und Kriminalität (siehe Punkt 2) enthält es ein paar Pauschalaussagen zu anderen politischen Themen. Interessant ist der Positionsbezug zum Thema Umweltschutz. Chefideologe Christoph Mörgeli wiederholte dabei Sätze, die in ähnlicher Weise kürzlich schon von Toni Brunner geäussert wurden, als dieser seine Partei in der Coopzeitung als die eigentlichen Grünen, also die Umweltpartei, anpries. Gegenüber Radio DRS meinte Mörgeli:

“Da steht, wie man’s nicht macht. Und wir meinen, die Grünen haben schlechte Konzepte, die Grünen sind eigentlich genauso rot wie die Roten, während die Grünen nicht im Grünen wohnen. Im Grünen wohnen unsere Wähler, das sind die Umweltpraktiker in Wald und Forstwirtschaft, aber auch im Gewerbe, die eben tatsächlich sich um die Umwelt kümmern.”

Die Idee, man müsse im Grünen wohnen, um wirklich grün zu sein, d.h. sich für die Umwelt einzusetzen oder sich um sie zu sorgen, ist ziemlich krud. Man überlege sich mal, wie zersiedelt die Schweiz mittlerweile ist. Was ist daran grün, wenn man im Grünen weiterhin neue Ikeas, Aldis und Lidl hinstellt, wo man dann von der Stadt und vom Land her mit dem Auto anreisen muss? Es ist ja auch nicht so, dass die umweltschädlichsten Rostlauben und die unnützesten Panzer (Offroader) nur von Stadtbewohnern gekauft würden. In den Städten und Agglomerationen leben weit mehr Haushalte ohne eigenes Auto. Woher kommen alle motorisierten Fahrzeuge, die sich jeden Morgen und jeden Abend stadtein- und -auswärts stauen? Bestimmt nicht alle aus der Stadt selbst. Nein, auch von Landbewohnern, die gerne in einer schönen Landschaft leben, aber täglich zu den Arbeits- und Studierplätzen in den Städten pendeln.

Wohlgemerkt, ich will eine falsche Siedlungsentwicklung nicht allein der SVP anlasten. Aber ihre Umweltpolitik hat in den letzten Jahren nun wirklich nichts dazu beigetragen, auch nur ein Problem in diesem Bereich ernsthaft anzugehen: – Zersiedelung? Die Landschaftsinitiative aller Umweltverbände wird abgelehnt, die einen sorgfältigeren Umgang mit dem Boden fordert. Die SVP-Vertreter wehren sich auch gegen jegliche Vorschriften zum überbordenden Zweitwohnungsbau in Tourismusorten. – Klimaschutz? Fehlanzeige, die Herren wehren sich nicht nur gegen ein CO2-Gesetz, sondern bestreiten am liebsten weiterhin, dass es überhaupt einen menschgemachten Klimawandel gibt. – Förderung erneuerbarer Energien? Denkste, die SVP propagiert keine Energiewende, ignoriert selbst innovative Projekte aus den von ihr so gelobten Landregionen (wie z.B. Oil of Emmental), sondern verficht die Ideen von gestern: neue Atomkraftwerke und Erdöl so lange es nur geht.

Auf dem Hintergrund dieser Bilanz steht es der SVP schlecht an, die Grünen zu kritisieren. Es dürfte wohl klar sein, dass man nicht “im Grünen” wohnen muss, um ein Sensorium für die Umwelt zu entwickeln und sich für ihren Schutz einzusetzen. Es gibt sowohl auf dem Land als auch in der Stadt sehr umweltbewusst handelnde Menschen. Es gibt aber sowohl auf dem Land wie auch in der Stadt leider noch viel zuviele, die sich – sei es weil sie es nicht besser wissen oder ihnen das schlicht egal ist – um die Umwelt foutieren. Mit ihrer Politik bedient die SVP leider nur diese letzte Klientel. Unser wohlhabendes Land könnte viel mehr tun, um die weltweit nötige Energiewende zu schaffen. Die grösste Partei der Schweiz aber tritt auf die Bremse resp. aufs Gaspedal; sie produziert lieber heisse Luft und viel Abgas.

Verwandte Beiträge:

Olympia – nein, danke

Ueli Maurer ist momentan stark präsent in den Medien. Nach anfänglicher Zurückhaltung vergeht inzwischen kein Tag, an dem man nicht daran erinnert wird, dass nun er für die SVP im Bundesrat sitzt. Neben den üblichen Negativ-Nachrichten – kein Geld, Sinnkrise der Armee, schlechte Ausrüstung, unklare Abläufe etc. – sprach er an diesem Wochenende über die angenehmere Rolle als Sportminister. Dabei soll er u.a. die Idee einer Schweizer Olympiakandidatur ventiliert haben. Gemäss seinen Informationen interessiert sich z.B. Andermatt dafür. Olympische Spiele - nein, danke.In Andermatt wusste man von nichts. Aber im Tessin war Filippo Lombardi gleich Feuer und Flamme. Er meinte, das wäre die beste Werbung für die Gotthardregion, mehr noch als die 2017 anstehende Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. Oje, da ist er wieder: der aufgeregte Event-Patriotismus, der uns schon die Euro 08 eingebrockt hat. Manche Leute scheinen zu glauben, dass man nur mittels Ausrichtung internationaler Grossereignisse die Welt auf sich aufmerksam machen kann. Zu welchem Ziel eigentlich? Ist doch klar: Touristen ins Land holen, mehr Übernachtungen, mehr Geld, gerade jetzt wo das Bankgeheimnis abgedankt hat.

Die Idee ist nicht neu. “Hopp Schwiiz!” sang Polo Hofer schon 1984 – die Fussballhymne war eigentlich als Protestsong gegen Ogis Idee von Olympischen Spielen im Berner Oberland gemeint. Mittlerweile Bundesrat geworden, weibelte Ogi dann in den 90er-Jahren für eine Walliser Kandidatur. Aus Sion 2002 wurde allmählich Sion 2006 und dieses scheiterte dann in der Endausscheidung knapp gegen Turin. Danach dachte ich eigentlich, die Sache wäre nun für eine Weile erledigt. Doch es folgten auch noch die Projekte Bern 2010 und Davos 2010, die nicht weit kamen.
Spiele in der Schweiz wären im Übrigen aber keine Premiere: Bereits 1928 fanden in St. Moritz die 2. Olympischen Winterspiele statt und nach dem Zweiten Weltkrieg 1948 die 5. nochmals am gleichen Ort.

Gründe gegen Olympische Spiele im 21. Jahrhundert gibt es viele, die wichtigsten:
Die Spiele waren noch nie rentabel für ein Austragungsland (ausser evtl. Atlanta 96), sie sind es höchstens für das IOC und die Sponsoren. Trotz allem Gerede von angeblich “grünen Spielen” gab es noch keine umweltverträgliche Olympiade. Nicht nur die sehr populären Sommerspiele, sondern auch die Winterspiele sind inzwischen ein derart grosser Megaevent, den man schon ganz grundsätzlich niemals umweltgerecht und nachhaltig ausrichten kann – man denke nur schon an die Transporte. Zudem werden für Olympische Spiele in der Regel massenhaft Gebäude und Anlagen gebaut, die nachher selten oder nie gebraucht werden. Noch fast jede Austragungsstätte von Olympischen Spielen sass am Schluss auf einem Riesenberg Schulden (Athen 2004 trug auch zur Griechenland-Krise 2010 bei) sowie überdimensionierten und nicht ausgelasteten Anlagen.

Der Gotthardregion geht es ohne Olympia-Zirkus besser. Und Ueli Maurer soll besser die Armee fertig abschaffen, als von einem internationalen Grossereignis zu träumen. (Das passt auch gar nicht zur SVP.)

Verwandte Beiträge:

Velo erst ab sieben?

Velofahren verbotenLobenswert, dass die Verkehrssicherheit auf den Strassen erhöht werden soll. Ich kenne längst nicht alle 36 Massnahmen im Paket “via sicura”, das der abtretende Bundesrat Leuenberger dem Parlament vorschlägt. Aber eine liess mich schon aufhorchen, als ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal von ihr las: der Vorschlag, Kinder erst ab 7 Jahren das Velo fahren zu gestatten. Ich finde das reichlich seltsam. Pro Velo kämpft seit Jahren für eine stärkere Akzeptanz und Förderung des Velos und führt dazu Aktionen wie etwa “Bike2School” durch, mit einigem Erfolg. Weniger erfreulich ist der generelle Trend, dass Kinder weniger oft zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sind. Statt dessen werden sie immer öfter mit dem Auto gefahren.

Ein Helmobligatorium für Kinder/Jugendliche ist wohl sinnvoll. Wenn nun aber der Bund das Velofahren für Kinder unter 7 Jahren ganz verbieten will, so ist das zwar gut gemeint und sachlich auch nicht absolut unbegründet (Distanzeinschätzung noch nicht ganz entwickelt). Im Effekt ist diese Massnahme aber ziemlich sicher kontraproduktiv. Damit werden einmal mehr nur jene bestärkt, die schon jetzt zuviel Angst davor haben, ihre Kinder aufs Velo zu setzen. Soll man sie denn besser alle mit dem Panzer (Offroader) in die Schule bringen? Ich fände es besser, wenn man mit anderen Massnahmen dafür sorgt, dass Quartierstrassen und die Schulwege sicherer gemacht werden, so dass Kinder auch schon vor 7 Jahren darauf Velo fahren lernen können – und es auch dürfen.

Verwandte Beiträge:

Mickriger Inhalt

Die Titel-Schlagzeile der Gratisausgabe einer beliebten Schweizer Boulevard-Zeitung ist heute Abend noch blöder und banaler ausgefallen als sonst. Es gibt etwas was noch viel mickriger ist als das gute Stück des Sängers auf dem Titelblatt: Der Informationsgehalt solcher Meldungen.

Aber das passt durchaus ins Konzept dieses Gratisblatts. Es ist im Wesentlichen eine Abfolge von bunten Bildern mit Fokus auf irgendwelchen Promis, Starlets oder Möchte-gern-Celebritys. Einzig auf der Hintergrund-Seite findet man manchmal noch einigermassen gut recherchierte Informationen zu einem aktuellen Thema. Nach dem Sport folgen blaue Seiten, auf denen die sonst schon unscharfe Grenze zwischen redaktionellem Teil und gekaufter Werbung vollends verschwimmt: Technik-News, gesponserte Reisereportagen, Lobhudeleien auf teure Marken und Modetrends. Schliesslich endet der allabendliche Aufguss des Immergleichen mit Comics, Singles, die sich ins beste Licht rücken und SMS von mitteilungsbedürftigen Menschen, denen es nicht genügt, diese bloss an die betreffenden Personen direkt zu schicken.

Das Tabloid wird viel beachtet, vor allem von den Pendlermassen in den Zügen. Es wäre eine Chance, die leider nicht genutzt wird. Aber vielleicht ist es ja bloss die perfekte Verkörperung des momentanen Zeitgeists: lauter kleine Infohäppchen, Promi-Vergötzung, dauerndes Handy-Gequasel – aber bitte keine, wirklich niemals ein bisschen längere und präzisere Information. Heilige Einfalt!

Verwandte Beiträge:

  • Keine verwandten Beiträge