Wikileaks leckt weiter

Eine Website macht in letzter Zeit unerhört viele Schlagzeilen: Wikileaks. Zuerst bekannt geworden durch einzelne Indiskretionen von begrenzter politischer Bedeutung, spezialisierte sich das Portal in den letzten Monaten zunehmend auf die Publikation ganzer Pakete von als geheim klassierten Unterlagen. Im Sommer die Afghanistan- und kurz darauf die Irak-Tagebücher, nun folgte ein umfangreiches Dossier von diplomatischen Akten aus dem US-Aussenministerium. Da erfährt man viel Belangloses, aber auch einige recht interessante Einschätzungen von Botschaftern.

Wikileaks-LogoWikileaks-Gründer Julian Assange sorgt daneben aber auch für Schlagzeilen persönlicher Art, infolge seiner Anklage wegen Vergewaltigung und der heutigen Verhaftung in England. Man kann sich fragen, warum Schweden die Unklarheiten um sexuelle Beziehungen Assanges mit zwei Schwedinnen (mit oder ohne Kondom) als so schwer bewertet, dass es diesen gleich wegen Vergewaltigung per Interpol zur Verhaftung ausschreibt. Wer den Amerikanern sowieso nichts glaubt und überall Verschwörungen wittert, für den ist der Fall klar: Assange wird zum Opfer seiner Enthüllungen resp. des immensen Drucks, der nun von den USA auf befreundete Staaten ausgeübt wird, Assange und Wikileaks zu stoppen. Doch die momentane Hetzjagd bewirkt ja gerade das Gegenteil: Die Site wird jeden Tag und mit jeder Schlagzeile über die privaten Probleme Assanges noch bekannter und damit populärer. Gäbe es also eine Verschwörung der USA, Schwedens und meinetwegen noch anderer Länder, dann ist sie vor allem eines: dumm und kontraproduktiv.

Auch in der Schweiz gibt es Schlagzeilen. Es ist schon auffällig, dass PostFinance gerade jetzt im höchsten Hype um Wikileaks erst entdeckt, dass das Genfer Spendenkonto von Wikileaks unter falschen Angaben eröffnet wurde. Natürlich gab es auch da keinerlei Druck, heisst es offiziell. Derweil kann sich die Piratenpartei ein bisschen im Schatten Assanges im Medienlicht sonnen, weil sie die Website wikileaks.ch schon vor Monaten registriert hat, und Wikileaks nach der Abschaltung der Hauptseite wikileaks.org von vielen existierenden Parallelseiten just diese hervorhob.

Mit oder ohne Druckversuche wird Wikileaks weitermachen, soviel steht heute fest. Irgendwo findet sich immer ein Ort, wo die Server vor dem Zugriff feindlich gesinnter Staaten sicher sind, und die Erfahrungen von China und anderer Länder zeigen, dass es fast unmöglich ist, schlaue Internetnutzer von bestimmten Inhalten völlig fernzuhalten, irgendwo twittert’s, blogt’s und leakt’s immer. Insofern ist das Web 2.0 sicher ein Gewinn für die Demokratie. Inwieweit es die geheimen und von Wikileaks zu Sensationen erklärten Dokumente sind, ist eine andere Frage. Besucht man z.B. die erwähnten Warlogs, so sieht man zuerst mal eine riesige Datenwüste, ob der einem schier schwindlig wird. Es braucht nach wie vor Spezialisten, um dieses Material auszuwerten und in grössere Zusammenhänge zu stellen. Nicht erstaunlich darum, dass Wikileaks mit klassischen Medien zusammenarbeitet, wie etwa dem deutschen Spiegel. Für die Gegenwart gut ausgebildete Journalisten, später werden sich auch Historiker am Material gütlich tun können. Sicher hat es im grossen Steinbruch interessantes Material, aber ob es als historische Quelle letztlich sehr brauchbar ist, wird sich erst noch zeigen.

Sicher ist aber heute schon: Wikileaks ist gerade dabei, die Diplomatie zu verändern. Wird man in Zukunft viel weniger als heute schriftlich fixieren, weil es jederzeit leaken könnte? Sollen Botschafter nur noch mündlich berichten oder müssen E-Mails einfach viel besser geschützt werden als heute? Vielleicht gäbe es aber noch eine andere, relativ einfache Art, Wikileaks den Wind aus den Segeln zu nehmen: Wie wäre es mit einer transparenteren Diplomatie und Weltpolitik?

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