Kruzifix nochmal

Fast 12’000 Unterschriften für eine Petition, die verlangt, dass Kruzifixe und Kreuze auf öffentlichem Grund hängen bleiben dürfen, haben junge Aktive der Luzerner SVP und der CVP in recht kurzer Zeit gesammelt. Schön und gut, aber was soll das beweisen? Ich wette, dass man in Kürze auch 12’000 Leute finden würde, die zumindest die hässlichen Kruzifixe weniger häufig sehen möchten. Aber wozu wertvolle Lebenszeit damit vergeuden, wenn es überall wichtigere Probleme gibt?! Offenbar sehen das die jungen Leute, die hinter der Bittschrift stehen, anders. Sie tun so, als wäre das Kreuz in Gefahr und beschwören eine regelrechte Identitätskrise herauf. Aber sie täuschen sich meines Erachtens selbst, denn niemand will “unsere eigene Kultur verdrängen”, wie es in der Pressemitteilung behauptet wird.

Welche Kultur bitteschön wäre das eigentlich genau genommen, die “wir” alle teilen? – Und wer ist eigentlich genau gemeint mit dem “Wir”, wer bestimmt wer zum “Wir” dazu gehört und wer beim geringsten Verdacht besser ausgeschafft wird? Wenn sich eine Gemeinschaft negativ dadurch definiert, wer sie nicht ist – wer wird dann ausgeschlossen von diesem SVP/CVP-Wir? Einfach alle Nichtchristen, Nichtausschaffer, Nichtminarettverbieter, Nichtsuperpatrioten oder halt grad alle Nicht-SVP-Wähler? Denn der Slogan 2011 wird ja schlicht lauten “Schweizer wählen SVP”. Ich bin dagegen, dass ich kein Schweizer mehr sein soll, nur weil ich nächstes Jahr wieder die Grünen wählen werde.

Es ist sinnloses Gerede, es gibt sie schlicht nicht, diese “unsere” Schweizer- oder Christen-Kultur. Werte und Gesellschaften verändern sich dauernd und das ist normal. Symbolpolitik bringt nichts. Grössere Probleme sehe ich heute im gefeierten Egoismus, schrankenlosem Profitstreben und grenzenloser Gier nach immer noch mehr, die bestimmte einflussreiche Sozialgruppen zum Mass aller Dinge gemacht haben. Aber die globale Problematik ist sehr schwierig anzugehen, und da inszeniert der Politnachwuchs eine ideale Stellvertreterdiskussion. In schwierigen Zeiten sehnen sich die Menschen nach sicheren Werten und wenn man ihnen einredet, das Abendland sei in Gefahr, gibt noch mancher gern seine Unterschrift. Aber das Abendland ist nicht in Gefahr wegen 4 oder 5 Minaretten im Schweizer Mittelland. Und wenn der Grossteil der Luzerner Papierli-Katholiken die Kirche nur noch einmal im Jahr an Weihnachten aufsucht, sollte man das Christentum auch besser nicht als Waffe gegen unerwünschte neue Minderheiten missbrauchen. Eine Petition ist eine Bittschrift. Wenn ich auch eine Bitte hätte, dann wäre es diese: Verschont uns bitte in Zukunft mit solchen Petitionen! Frohe Weihnachten.

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3 Gedanken zu „Kruzifix nochmal

  1. Gerardo Raffa

    Mit Interesse habe ich nun Deinen zweiten Eintrag über diese Petition gelesen. Du willst nun also den Menschen vorschreiben was sie für Petitionen einzureichen haben oder eben nicht? Seltsame Ansicht von Demokratie. Pauschal allen 12’000 Personen vorzuwerfen das Christentum als Waffe gegen unerwünschte neue Minderheiten zu gebrauchen ist dann ziemlich populistisch, werter Grüner! Wenn es für Dich sinnloses Gerede ist, dass es diese “unsere” Schweizer- oder Christen-Kultur schlicht nicht gibt, dann stimmt das (noch) nicht für die Mehrheit in diesem Land (und auch im abendländischen Europa). Es gäbe noch einiges zu erklären, vielleicht komme ich ja mal wieder 🙂

    Beste Grüsse
    Gerardo Raffa, Ex-Grüner und nicht junger Aktiver der Luzerner SVP und CVP.

    1. Raffael Artikelautor

      Lieber Gerardo, danke für deinen Kommentar. Mir liegt es fern, jemandem vorzuschreiben, was für Petitionen er oder sie einreichen kann. Ich habe nur meinen subjektiven Wunsch ausgedrückt, lieber über wirkliche Probleme zu reden als über Symbolpolitik.
      Ich habe gestaunt, als ich beim Foto von der Einreichung neben den bekannten JSVP- und JCVP-Köpfen auch deinen Namen gelesen habe. Kann mich erinnern, dass ich noch jemanden fragte, ob das denn der Raffa sei, der die Grünen Obwalden gegründet, zu einem grossen Erfolg geführt und dann leider bereits weggezogen ist. Dann habe ich sehr gestaunt, dass ein Grüner oder “Ex-Grüner” da mitmacht. Nein, ich unterstelle nicht allen 12’000 Unterzeichnern, das Christentum als Waffe zu missbrauchen. Aber ich werfe das den Urhebern vor, das ist jedenfalls mein Eindruck von dieser Petition. Darum glaube ich auch, dass solche Anliegen niemals der CVP (oder gar den Grünen) nützen, sondern im gegenwärtigen Klima nur der SVP. Ich schrieb, dass noch jeder schnell seine Unterschrift gibt, wenn er glaubt, seine Kultur sei in Gefahr. Im Übrigen bleibe ich dabei: Meines Erachtens gibt es keine einheitliche Kultur, weder in diesem Land noch im sogenannten “abendländischen Europa”. Die Schweiz und Europa sind so heterogen, weil sich die Menschen nicht über einen Kamm scheren lassen. Die Diversität belebt die Welt und das sollte man nicht dauernd schlecht reden.

      1. Gerardo Raffa

        Hey Raffael
        Ja, ich bin von Obwalden weggezogen. Aber ich bin ja nun hier in Luzern 🙂 Leider habe ich gerade etwas wenig Zeit. Nur kurz. Also das Christentum als Waffe missbrauchen, das tue ich bestimmt nicht. Ich bin sogar 100% für die Waffenitiative 🙂 Ich kann aber natürlich nicht für alle Unterstützer oder Urheber sprechen. Was ich aber sicher mache, ist für die jüdisch-christlichen Werte die hier in Europa (noch) verbreitet sind einstehen. Davon konnten mich (Gott sei Dank) weder Grüne noch Kommunisten abbringen.

        Shalom und bis ein andermal wieder 🙂

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