England

Hastings

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Hastings ist eine Kleinstadt im Südosten Englands, verwaltungstechnisch ein eigener Borough in der Region East Sussex. Das Städtchen lebte und lebt vom Fischfang und vom Tourismus. In den Sommermonaten zieht es zudem Massen von Sprachschülerinnen und -schülern an, die aus vielen Ländern Europas und Asiens stammen. Manche sind leicht zu erkennen an den farbigen Halsbändern ihrer Schulen, andere an uniformen Rucksäcken. Auffallend viele kommen aus Spanien oder vielleicht stechen jene auch am meisten heraus unter den meist zurückhaltenden Engländern. Den reichen und bekannteren Badeorten wie Brighton kann Hastings das Wasser nicht reichen. Die Tourismusverantwortlichen setzen auf die Geschichte, speziell auf «ten sixty-six», sie werben mit «1066 reasons» in Anspielung auf die offenbar jedem englischen Schulkind bekannte Battle of Hastings, mit der die Herrschaft der Normannen begann. Die Expedition der Stadt und Umgebung war sehr interessant für mich als Historiker, auch wenn ich jetzt nicht gerade 1066 Gründe oder Stationen aufzählen kann.

Hastings, as seen from Hastings Castle, 17 july 2018
Hastings und St Leonards-on-Sea, gesehen vom Hastings Castle, 17 july 2018 (Foto: Raffael Fischer)

Überragt wird das Städtchen bis heute von einem Castle auf einem der beiden Hügel. Die Seilbahn oder Muskelkraft bringen einen hoch zum Westhill. Hinter dem Eingangshäuschen wird sofort deutlich, dass vom Hastings Castle nicht mehr viel erhalten ist. In einem kleinen Pavillon wird ein Dokumentarfilm abgespielt zur „1066 Story“ und über die Burg, die William the Conqueror nach der Schlacht hier errichten liess. Dank Informationstafeln lässt sich auf einem Rundgang durchs felsige Gelände erkunden, wo früher welche Bauten standen, von denen mehr oder weniger viele Steine erhalten geblieben sind. Das Highlight ist aber heute vor allem die malerische Kulisse, hoch über dem Strand des Ärmelkanals, die schöne Sicht auf die ganze Stadt Hastings bis hin zum neueren Stadtteil St Leonards-on-Sea hinüber. Alle Schülerinnen und Schüler steuern direkt auf die Klippe zu, der Wind zerzaust ihre Frisuren, it’s selfie time!

Wer sich für die Lokalgeschichte von Hastings interessiert, ist im Hastings Museum and Art Gallery richtig. Auf zwei Stockwerken in einem herrschaftlichen Haus gelegen, sind hier diverse Ausstellungen zu finden. Da wird etwa die Stadtgeschichte mit 66 Objekten chronologisch modern aufbereitet, dort liegen Dinosaurier-Knochen aus der grauen Vorzeit. Neben der Kunstausstellung in der Galerie und einer zum Sommer passenden Ausstellung über Hastings‘ Rolle als Badeort werden im Obergeschoss kulturanthropologische Themen vorgestellt, mal nach Weltgegenden und mal nach Objektarten (Kleidung, Essen, Religion) gegliedert. Diese Teile sind offensichtlich älter und bräuchten vereinzelt eine Erneuerung. Insgesamt sind aber auch sie wertvoll und erlauben Museum-im-Museum-Effekte: In Gedanken lässt sich gut vorstellen, wie junge Hastinger in diesem Museum zum Beispiel auf die Ureinwohner Nordamerikas aufmerksam wurden und sich für sie zu interessieren begannen, wie etwa jener Archibald Belaney, der sich im frühen 20. Jahrhundert nach Kanada aufmachte, dort zu Grey Owl wurde und sich im weiteren Leben speziell für den Stamm der Irokesen und seinen Lebensraum einsetzte. An einer anderen Stelle erfährt man von Annie Brassey aus der Oberschicht von Hastings, die in der Viktorianischen Epoche zu Weltreisen aufbrach und darüber schrieb, also zu einem Zeitpunkt, als das noch nicht so leicht war wie heute und sich auch nicht besonders ziemte für eine Lady. Wie auch anderswo in britischen Museen sind hier wunderbare Spiel- und Lerngelegenheiten für Familien und Kinder eingerichtet.

Mit Fischen bin ich nicht sehr vertraut und mit Schiffen schon gar nicht. Für Hastings war die Fischerei lange ein wichtiger Wirtschaftszweig, für den die Zunft ein authentisches Museum aufgebaut hat, das Hastings Fishermen’s Museum. In einer ehemaligen Kirche ist zentral ein Schiff untergebracht, das man besteigen kann. Wer einmal das unruhige Meer bei Flut in dieser Ecke Englands erlebt hat, kann sich so vielleicht vorstellen, wie es sich anfühlen könnte, auf einer kleinen Nussschale in einem Sturm hin und her zu schaukeln. Das bunte Sammelsurium von Gegenständen illustriert, was Fischer an der englischen Nordseeküste alles erlebt haben und was ihnen dabei ausser Fischen ins Netz ging. Eine gute Ergänzung und mehr als erwartet spannend ist der Besuch im benachbarten Shipwreck Museum. Anhand mehrerer Schiffe, die vor Hastings leck liefen oder untergingen, wird hier gezeigt, was zu verschiedenen Epochen für Schiffe in der Region verkehrten, mit welchen Problemen die Zeitgenossen sich speziell in den Küstenregionen abmühten. Genau wie in den anderen Museen wird klar, dass die exponierte Lage an der Meeresgrenze zu Frankreich bzw. zum Kontinent Europa immer wieder wichtig war für Entwicklungen im Südosten Englands. Das ist auch der rote Faden von 1066 als Beginn der Herrschaft von Adeligen, die auf beiden Seiten des Ärmelkanals über Herrschaftsrechte verfügten über den Hundertjährigen Krieg zwischen 1337 und 1453, die Napoleonische Epoche bis hin zum Zweiten Weltkrieg.

Die Schlacht von Hastings fand übrigens gar nicht hier statt, sondern rund 13 Kilometer landeinwärts. Rund um die Klosteranlage, die nach dem Sieg Williams gegen Harold II. errichtet wurde, entstand der Weiler Battle. 450 Jahre später liess Henry VIII. Battle Abbey zerstören, eines von vielen Opfern der englischen Reformation von oben. Das Gelände wird heute von English Heritage betreut und touristisch inszeniert. Die Ausstellung über die Schlacht und ihre Langzeitfolgen ist auf einem modernen Stand, ebenso der kurze Film darüber. Mit dem Audioguide ausgerüstet kann man das grosse Gelände erkunden und erfährt Schritt für Schritt mehr über die historische Schlacht, wer sich hier gegenüber stand und wie sich die Sache seinerzeit abgespielt haben könnte. An manchen Tagen wird die Battle sogar mit Laiendarstellern nachgespielt, bestimmt ein famoses Spektakel. It’s marvellous!

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Karten

Servus Österreich

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Österreich, i halt auf di / I steh auf deine Mondseeaugen
Auf deine schwarzen Lungen / Auf dei braune Zungen
Österreich, i steh auf di / Auf deine olympischen Augenringe […]
Es muss ja nicht unbedingt Salzburg sein […]
Österreich, i halt auf di / Auf deine kleinen Grössen
Auf deine grossen Toten / Auf den kleinen Braunen und den Braten […]
Österreich, hoch sollst du leben / Du hast a rabenschwarze Seel
Und a feuerrotes Herz / Und an stinkerten Pelz
Österreich, solang’s noch geht […]

Stiller Has – Österreich vom Album «Stelzen», 2003.

Österreich 2018 – das ist ein sehr wohlhabendes Land mitten in Europa. Die Staatsbahngesellschaft ÖBB beschäftigt aus Schweizer Sicht noch ziemlich viel Personal; selbst an kleineren Bahnhöfen winkt stets ein Wärter dem Schnellzug nach. In den Regionalzügen ist es oft lärmig, in den Schnellzügen ruhig und geschäftig, was nicht zuletzt am schnellen Wifi liegt. Alles funktioniert ziemlich reibungslos und ordentlich. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit gegenüber Reisenden.

Die Politik ist nicht mehr feuerrot-rabenschwarz wie sonst meistens in der zweiten Republik. Sie erlebte 2016 eine Präsidentschaftswahl in drei Etappen, aus der Alexander van der Bellen zweimal als Sieger hervorging. Doch bei den vorgezogenen Wahlen 2017 flogen seine Grünen aus dem Nationalrat, während ÖVP und FPÖ zulegten. Seitdem ist türkis-blau angesagt; es wird sich zeigen, wie kurz oder lang das dauert. Während meinem Besuch weilen der Präsident, die halbe Regierung und die Wirtschaftselite gerade in China und die Gratisblätter schreiben einander ab, wer der im Land Gebliebenen der höchste Amtsträger wäre. Anders als 2000 löste die Regierungsbeteiligung der Freiheitlichen international wenig Resonanz aus; sei es weil ausser einem Kopftuchverbot wenig Umstrittenes geplant ist, sei es weil namentlich in Osteuropa extremere Parteien allein an der Macht sind. Doch just mit Victor Orban oder dem PiS-Kabinett sucht die österreichische Regierung den Schulterschluss. Wo das hinführt? Sebastian Kurz mag smart wirken, politisch aber gibt es kaum Gemeinsamkeiten mit Emmanuel Macron, dem anderen jungen Gesicht in Europas Politszene.

Und die Geschichte? Für ein Jubiläums- und Gedenkjahr – Untergang der Donaumonarchie, Gründung der ersten Republik 1918 bzw. «Anschluss» ans Grossdeutsche Reich 1938 – ist auffällig wenig zu sehen oder erleben. Eine Ausstellung in Linz zur Zwischenkriegszeit, eine in Salzburg zur Nazizeit und etwas in Graz zum Holocaust – that’s all?! Mehr wird folgen. Die Eröffnung des neuen Zeitgeschichte-Museums in Wien wurde abermals verschoben, aber es soll bis November klappen, also noch rechtzeitig zum 100-Jährigen. Dann komme ich gern wieder.

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Österreich

Graz

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Graz, die Hauptstadt der Steiermark, etwas südlich in Österreich gelegen, ist die zweitgrösste Stadt der Republik. Der Platz vor dem Bahnhof wird überspannt von einem riesigen Kreis-Monument. Von dort führt eine Hauptachse hinunter zum Stadtzentrum am Fluss Mur. Leicht gebogen durchquert sie verschiedene Quartiere, mal sehr gepflegt und teurer, mal deutlich weniger.

Ein Highlight, wortwörtlich verstanden, ist der Schlossberg. Vom rund 1000-jährige Schloss bzw. dem slawischen Wort Gradec (kleine Burg) stammt der Name der Stadt. Mit modernster Lifttechnik gelangt man heute in Windeseile zum schönen Park beim Uhrturm, wo sich an diesem sonnigen Samstag halb Graz tummelt.

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Österreich

Salzburg

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Salzburg ist die Hauptstadt des gleichnamigen Bundeslandes, mit rund 120’000 Einwohnern die viertgrösste Stadt Österreichs, weltbekannt durch die 1920 begründeten Festspiele. Geschichtlich war Salzburg lange ein geistliches Territorium, die Erzbischöfe von Salzburg regierten also in der Stadt an der Salzach und ihrem Umland; erst 1805 wurde das Gebiet Teil des Habsburgerreichs bzw. Österreichs. Diese spezielle Prägung ist noch vielerorts sichtbar.

Auf jeden Fall ein Besuch wert ist die Festung Hohensalzburg, die über der Stadt thront. Sie ist mit der Festungsbahn bequem zu erreichen. Oben angekommen ist nicht alles ideal beschildert, die vielen Baustellen erschweren den Besuch etwas. Empfehlenswert ist ein früher Besuch, dann stehen die Fürstengemächer offen, in denen im frühen 16. Jahrhundert Erzbischof Leonhard von Keutschach wohnte. Von der Festung, die während des Dreissigjährigen Kriegs ausgebaut wurde, bietet sich ein schönes Panorama. Ich bin sicher, dass die diversen Stände und Bars im Sommer voll sind.
Unterhalb sind der Dom und das zugehörige Museum zu bewundern. Hier zeigt sich gut, wie eng die Geschichte der Stadt mit jener des Erzbistums verbunden ist. Interessant ist die aktuelle Ausstellung über Wolf von Raitenau, einen der herausragendsten und schillerndsten Erzbischöfe in der Geschichte.
Das Museum für moderne Kunst bietet an zwei Standorten eine willkommene Abwechslung zum geistlichen und weltlichen Erbe der Erzbischöfe.

SalzburgMuseum zeigt neben der Dauerausstellung 100x Salzburg aktuell eine Ausstellung Krieg, Trümmer etc. über die Nazizeit.

Schloss Hellbrunn

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